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Blood Red Shoes, ägyptische Revolution und die Insel Leipzig
Eröffnung: Beben und Zerstückeln
Irritation auslösen: Das hat sich Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff zum Ziel gesetzt und wählte mit "Tonstörung" das entsprechende Motto. Kunst soll nicht einlullen, sondern anecken. Ob's klappt? Bei der Eröffnung nur zum Teil...

Zur Eröffnung ins Gewandhaus. Das ist die "Tonstörung" wohl als Provokation zu verstehen. Nun ja, soviel Avantgardismus kann man dem Konzerthaus auch so zutrauen. Aber die Störung hält sich in Grezen. Zumindest beim ersten Stück.
"Shr" ("Beben") von Matjaz Faric
Gestern titelt Bild "Heute Abend tanzt Katja nackt" und das ist wohl im Rahmen von "Beben" noch am ehesten als "Tonstörung" zu verstehen. Das Stück jedenfalls irritiert weniger mit Innovation als mit abgetreteten Sujets. Im Vorfeld vollmundig als "Dialog zwischen männlichen Musikern und weiblichen Tänzerinnen" angeprisen, entpuppt sich die Inszenierung als platter Geschlechterkampf. Als Metaphern für das Weibliche bedient sich Regisseur Matjaz Faric signalfarbenartiger Accessoires: Stöckelschuhe, Handtaschen, Perücken - und christlich abendländisch: der Apfel. Überhaupt: Schöpfungsgeschichtlich geht es hoch her. Splitterfasernackt (siehe Bildzeitung) entspringt die Tänzerin dem männlichen Musikerkorpus, indem sie unter dem Klavier hervorkriecht. Dort sitzt Komponist Milko Lazar - Repräsentant des musikalisch die Tänzerinnen dirigierenden Musikerensembles. Die Frau stolpert wie ein frischgeworfenes Fohlen über den Bühnenboden. Opferrolle par excellence.
Dann wird gehadert, gezweifelt und gekämpft. Man (also sie) will sich der sozialisierten Rolle nicht anpassen. Der Lauf in Pfennigabsätzen gleicht dem verzerrten Gang untoter Missgeburten. Doch die Emanzipation folgt auf den Fuß: Zum Schluss werfen die fünf Damen männliche Stoffpuppen in die Höhe, schleudern sie zu Boden und zertrümmern damit das herrschende Geschlecht. Subtilität sieht wohl anders aus.
Matjaz Faric betonte im Gespräch, das Thema Geschlechterbeziehung habe sich notwendigerweise aus der Rollenverteilung (Musiker - Tänzerinnen) ergeben. Worin allerdings die Notwendigkeit einer neuerlichen Auseinandersetzung oder gar der neue Ansatz in seiner Choreographie bestehe - darauf wusste der Slowene keine befriedigende Antwort zu geben. Sein Stück tat es ihm darin gleich.
"Concerto" von Ivo Dimchev
Ivo Dimchev verliert nicht viele Worte. Auf der Pressekonferenz sitzt er artig da, beantwortet zwei Fragen in knappen Sätzen und entschwindet dann schnell zur Technikprobe. Aber wozu auch viele Worte verlieren, wenn die Performance für sich spricht. Und das tat sie.
Auf die Bühne tritt am Abend dann ein Mann mit gelbhaariger Perücke, weiß geschminkt. Der Mund rot verschmiert. Er murmelt ins Mikrofon. Er sei froh, heute hier sein zu dürfen. Ein tolles Publikum seien wir, und erst der Bühnenboden. Tolles Holz. Redundantes Geschwafel - persifliert. Und dann - stetig - der Übergang vom rhythmischen Sprechen zum Gesang. Emilian Gatsov mit Drumset, Vocalizer und Keyboard begleitet ihn.
Nach zwei Minuten bricht Ivo Dimchev der Schweiß aus. Die Perfomance zieht an, die Intensität steigert sich ins Unerträgliche. Er zerreißt den Gesang, sammelt die Fetzen auf und setzt sie als abstrakte Collage neu zusammen. Atonale Einschübe zerschneiden die Harmonien, Gatsovs Electro-Ambient Samples verorten das neu enstandene Klangebilde atmosphärisch. Irgendwo zwischen dem avantgardistischen Trip-Hop von Portishead und der überbordenden Musikkulisse eines Angelo Badalamenti. Ivo Dimchev spielt mit seiner Stimme und baut dabei auf seine klassische Gesangsausbildung auf. Das kann man hören.
Ach ja: Die Performance ist vollständig improvisiert. Alles geschieht einmalig, nur jetzt auf dieser Bühne. Und die Inszenierung ist Teil des Konzeptes. Ist ein "Fragment" vorbei, springt Dimchev zurück in die sabbernde, gemurmelte Moderation. Die Worte sind Hülsen, entliehen dem typischen Konzertsprech. Einmal konstatiert er: You are lucky people. We are all lucky people. In der Wiederholung verkehren sich die Worte in ihr Gegenteil. Da sitzen die intellektuellen Theatergänger im Gewandhaus und kriegen ihre Erwartungshaltung um die Ohren gehauen. Sie wissen es vermutlich nicht. Aber es ist wirklich ihr Glück. Die Darstellung enthält damit auch gesellschaftskritische Elemente. Zumindest ensteht dieser Eindruck. Ob das zutrifft? Eindeutig ist hier nichts - aber es irrtiert. Und bleibt haften. So soll das doch mit der Kunst sein...oder?
Hören Sie hier das Gespräch mit Reporterin Fanny Kniestedt:



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