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Weltreligion

Die Bahai in Leipzig

von Martin Donath
Dienstag, 23. August 2011

Das Judentum gilt als älteste Weltreligion. Doch welche ist eigentlich die jüngste? Es sind die Bahai. Sie berufen sich auf Baha'u'llah, der vor 150 Jahren im Iran lebte. Weltweit gibt es fünf Millionen Bahai, vor allem in Indien und im Iran. Doch wer sind die Bahai und wie kamen sie nach Leipzig?

Jeder Bahai sollte einmal ins israelische Haifa gepilgert sein: Hier steht der Tempel mit dem Schrein des Bab, des ursprünglichen Religionsstifters der Bahai. Die hängenden Gärten der Bahai zählen zum Weltkulturerbe. (Foto: D. Shankbone, CC-Lizenz)

In Leipzig leben heute 30 Bahai. Aller 19 Tage treffen sie sich in ihrer Gemeinde zum Singen, Beten und gemeinsamen Abendessen. Die Bahai verstehen sich selbst als monotheistische Weltreligion. Sie glauben an einen Gott und bezeichnen sich als Einheitsreligion - das heißt, sie erkennen auch die Religionsstifter anderer Weltreligionen wie Mose, Buddha, Jesus und Mohammed als ihre Propheten an und suchen damit eine abschließende Einheit aller Weltreligionen.

Als Religionsstifter verehren sie den Bab sowie den Baha'u'llah. Der Bab predigte um 1850 im Iran und gewann viele Muslime als Anhänger. Da seine Lehre aber vom muslimischen Mainstream abwich, indem z.B. Mohammed nicht als einziger Prophet Gottes galt, wurde er von strenggläubigen Muslimen verfolgt und letztlich hingerichtet. Auch viele seiner Anhänger wurden getötet - unter ihnen auch der Baha'u'llah. Er gilt für Bahai als bisher letzte Offenbarung Gottes. Er verbreitete die Botschaften und Schriften des Bab weiter und wurde deswegen aus dem Iran verbannt. Zuflucht fand der Baha'u'llah auf dem israelischen Berg Karmel in Haifa, wo er 1892 starb. Daher erklärt sich, warum die heiligsten Orte der Bahai heute in Israel liegen - in Haifa (Grab des Bab) und nahe Akkon (Grab des Baha'u'llah). Dort pilgern viele Bahai hin.

Der Leipziger Religionshistoriker Dr. Heinz Mürmel hat die Geschichte der Bahai in Leipzig erforscht. Die Bahai tauchen erstmals 1908 in Leipzig auf, wie Polizeiakten dokumentieren. Sie hätten profitiert von der damaligen 'arischen Lebensreformbewegung', ohne sich selbst dieser Bewegung zugerechnet zu haben. Viele Menschen empfanden in dieser Zeit die westliche Zivilisation als zu kalt und rational und begeisterten sich deswegen auch für das exotische Persien - neben dem Zarathustra eben auch für den Perser Baha'u'llah.

 

Mürmel teilt nicht die Skepsis vieler Menschen, die die Bahai nicht kennen und erstmal in die Schublade 'Sekte' einordnen. Er erzählt, dass er ihnen freundschaftlich verbunden sei und auch schon öfter das sakrale Zentrum der Bahai in Deutschland, das "Haus der Andacht" in Hofheim nahe Frankfurt besucht habe. Dabei habe er nie erlebt, dass Bahai ihn zu missionieren versucht hätten. Die Bahai seien im Gegenteil sehr tolerant und würden Menschen mit anderen Glaubensüberzeugungen zugestehen, sich auch auf dem wahren Weg zu befinden. Das kritisieren einige muslimische und christliche Fundamentalisten als religiösen Relativismus.

Wegen ihrer Toleranz und Offenheit werden Bahai heute im Iran verfolgt. Dort herrscht mit Mahmud Ahmadinedschad ein reaktionärer Staatschef, der mit der Festigung des iranischen Gottesstaates eine islamistische Agenda durchsetzt und religiöse Minderheiten wie Christen und eben Bahai radikal unterdrückt bzw. verfolgt. Schätzungen zufolge leben heute im Ursprungsland der Bahai noch 300.000 Anhänger der globalen Glaubensgemeinschaft.

Die Bahai verzichten auf Rauschmittel wie Alkohol, weil sie sich zu klarem Denken und vernünftigem Handeln anhand ihrer heiligen Schriften angeleitet sehen. Wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen sie dabei offen gegenüber und sind demzufolge als Rationalisten das Gegenteil von einer 'Sekte', unter der religionswissenschaftlich eine irrationale, sich der säkularen Umwelt und Wissenschaft gegenüber abschottende Gemeinschaft verstanden wird.

Bei den Bahai gibt es keine geistlichen Autoritäten wie Priester - so steht jeder Gläubige auf der gleichen Stufe. Der Name ihres Gottesdienstes, des 19-Tages, geht auf ihren Kalender zurück: Er unterteilt ihr Jahr in 19 Monate zu je 19 Tagen. Die 19 gilt für Bahai als heilige Zahl. Rituale gebrauchen die Bahai kaum, da sie befürchten, Tradition könne einen lebendigen Glauben an Gott behindern.

In der Leipziger Gemeinde der Bahai treffen Menschen aus vielen unterschiedlichen Nationen. Attraktiv ist für sie die Offenheit der Bahai, die ihren theoretischen Anspruch, eine Weltreligion zu sein, praktisch als Kosmopoliten unterstreichen. Die Bahai sind weltoffene Zeitgenossen, die sich nicht in ihre Gemeinde zurückziehen. Sie engagieren sich sozial und politisch, beispielsweise für die Freilassung der inhaftierten Bahai im Iran. Die Bahai tolerieren alle anderen Weltreligionen und sind aufgefordert, nicht zu missionieren. So erziehen sie ihre Kinder nicht zu Bahai, sondern machen sie auch mit anderen Religionen vertraut. Erst im Alter von 15 Jahren haben die Kinder die Möglichkeit, der Bahai-Gemeinde beizutreten.

mephisto 97.6-Reporter Martin Donath hat mit zwei Bahai gesprochen:

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