Programmvorschau
Online-Redaktion
Tel.: 0341 / 97 37 976
Fax: 0341 / 97 37 999
online(ät)mephisto976.de
Pistenfahrplan
Blood Red Shoes, ägyptische Revolution und die Insel Leipzig
Luise Pop - Time is a Habit
Wo soll ein zweites Album noch hinführen, wenn bereits auf dem Ersten die Fronten geklärt wurden? Wie soll ein zweites Album klingen, wenn bereits das Erstwerk nahezu perfekt klang? Obwohl es herrlich einfach in Do-It-Yourself Manier produziert wurde. Die Angst, das Zweite Album von Luise Pop könnte mir die Eindrücke des Vorgängers ruinieren, hemmte mich „Time is a Habit“ anzuhören. Nach 4 Tagen Dauerbeschallung ist es wahnsinnig befreiend festzustellen: Die Angst war vollkommen unbegründet.

Luise Pop sind zurück. Nachdem Sie sich mit ihrem Debütalbum „The Car, the Ship, the Train“ aufgemacht haben, die Männerbastion der Indiepopszene zu stürzen, haben Sie rechtzeitig die Rückfahrt gebucht. Denn auch Anfang 2012 sieht es eher überschaubar aus, was die Anzahl der Frauenbands betrifft.
Intensität des Unperfekten
Mit „Time is a Habit“ machen die drei Frauen und der Hahn im Korb dort weiter, wo sie vor 3 Jahren aufgehört haben. Damals haben Sie den Jungs das Fürchten gelehrt. Haben sich nachts zu Feminst Terrorists verwandelt, um den Überfluss an Boys zu bekämpfen: A boy is a boy, a marvellous toy … but twenty makes you cry!
Können die Vier den subtil anmutenden Geschlechterkampf auch weiterhin so furchtlos und frisch von der Leber weg kämpfen? Also den Sound auch auf das neue Album mitnehmen?
Aber JA! In den 12 Liedern von Time is a Habit nehmen Sie es unter anderem mit dem Teufel auf, stellen die Glaubwürdigkeit schöner Männer (zurecht) in Frage und erdreisten sich gar, die „don’t touch me“ Indie-Anhänger auf’s Korn zu nehmen. Doch dazu später mehr.
Tracklist
- Black Cat
- Time Is A Habit
- Fat Yellow Moon
- Broken Bits
- Desperate Times
- Gigolos And Dames
- Speedboat
- Conceptual Dance
- Slow Motion
- Deep In The Jungle
- Blue Lights
- The Roaring Breeze
Produziert wurde die Platte von Thomas Pronai. Dass nicht jeder mit diesem Namen etwas anfangen kann, ist in Ordnung; handelt es sich bei ihm um eine österreichische Größe. Aber es ist ihm hoch anzurechnen, den Sound Luise Pops nicht durch Perfektionswahn zu zerstören. Das erste Album nahmen die Vier noch höchstpersönlich auf, was auch zu hören ist. Das ist auf gar keinen Fall kritisch zu verstehen, denn genau die kleinen Unperfektionen machten „The Car, the Ship, the Train“ erst so richtig hörenswert. Wenn man sich an eine Schulband erinnert fühlte, war die Unnahbarkeit der Band dahin und man fühlte sich als Hörer mit einbezogen. Ja, auch als männlicher Hörer. Und genau das schafft auch „Time is a Habit“. Manche mögen es kritisieren, dass die Stimme Vera Kropfs nicht genug Wucht hat, ruhige Stücke wie "Desperate Times" zu tragen. Oder dass der Backgroundgesang ihrer Mitstreiterinnen Lisa Berger und Erin Stewart zu brüchig ist. Dass manche Lieder aus einer Ansammlung von Phrasen bestehen, wie „Blue Lights“. Diese Kritiken können durchaus berechtigt sein. Doch, lieber Hörer, lass dir eins sagen: Das macht den Reiz dieser Platte auch erst aus!
Von Katzen und Katern
Schaut man sich das Cover von „Time Is A Habit“ sowie der ersten Singleauskopplung Black Cat an, kann man sehr schnell auf eine falsche Fährte gelockt werden. Zwar spielen Tiere auf diesem Album auch eine Rolle, aber darum geht es nicht primär. Vielmehr spiegelt sich die Subtilität Luise Pops darin wider. Denn mit der schwarzen Katze ist Niemand anderes gemeint als der Meisterdieb in Alfred Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“. Und wie der Hörer sicher auch weiß, stellt sich am Ende heraus, dass die schwarze Katze eine Frau ist. Hah, in your face, Männerwelt. Und so geht es weiter. In Desperate Times macht sich erneut die Aufbruchstimmung des ersten Albums bemerkbar. I was born and raised in the stinking hell of this town. Hinaus, weit weg, egal wie. Aber auch mal wieder die Unzulänglichkeit der Männerwelt: I wish I could find your heart of Gold. But I was born in desperate times. Diese Stimmung wird direkt mit zum nächsten Lied Gigolos and Dames übertragen. Und ja, der Titel ist Programm: Never trust a pretty Boy. Als hätten Luise Pop euch nicht gewarnt. In Speedboat wird der Teufel bekämpft, der es wagt, sich in den Weg zu stellen. Pech für Ihn es mit Luise Pop zu tun zu haben. Denn die Narbe in seinem Gesicht, wird Ihn noch Lange an den Zusammenstoß erinnern. Doch so unbesiegbar sind sie dann doch nicht. In Blue Lights verfallen Luise Pop wieder den Männern, auch wenn diese einen Streifenwagen zur Überzeugung brauchen: I know you're up to no good. Widerstand zwecklos. Mit The Roaring Breeze schließt das Album und zeigt, dass das Gebrüll eben doch manchmal nur heiße Luft ist – Bitte alles nicht zu ernst nehmen.
Am I conceptual?
Tourdaten in Deutschland
13.03.2012 Astra Stube /// Hamburg
14.03.2012 naTo /// Leipzig
15.03.2012 Monarch /// Berlin
17.03.2012 Hafen 2 /// Offenbach
18.03.2012 tba /// Darmstadt
Diese Weisung sollte der Hörer speziell bei einem Lied im Hinterkopf behalten. Keines der Stücke hat so viele verwunderte Gesichtsausdrücke hervorgerufen wie Conceptual Dance. Ein nahezu reines Synthiestück, was den Hörer zum nachdenken anregt: meinen die das Ernst??? Nein, meinen sie nicht. Aber jeder darf bei diesen Zeilen mal kurz über sich selbst nachdenken: I’m too conceptual for my shirt. I’m too conceptual for my pants. I’m so conceptual it hurts. So Baby let’s conceptual dance!
Ob die angesprochene Hipsterfraktion den Seitenhieb versteht, wird sich wohl spätestens bei einem ihrer Konzerte zeigen.
Nur keine Panik!
Luise Pop wissen auch live zu überzeugen. Letztes Frühjahr traten sie zu im Vorprogramm von Jens Friebe in Leipzig. Damals nur zu dritt, mit „Ja, Panik!“-Sänger Andreas Spechtl an den Drums. Der wurde inzwischen gegen Martin Lehr ausgetauscht. Das Luise Pop diesen Wechsel bereuen werden ist eher auseschlossen. Schließlich steht auf dem Album und auch Live vor allem der Gesang der Damen im Vordergrund. Und es scheint, als wären Luise Pop mit der Musik ganz bei Ihrer Bestimmung. So war Sängerin Vera beim letzten Leipziger Auftritt die Nervosität zwischen den Liedern anzusehen und –zuhören, doch sobald der erste Ton aus den Verstärkern kam, war sie ganz in Ihrem Element. Time is a Habit, a Bad Habit. Und deswegen sollten nicht wieder erst drei Jahre ins Land gehen, bevor es wieder heißt: Black Cat is on the prawl again.
Achtung, Extratipp!
Wer die Katze nicht im Sack kaufen will, kann sich das Album komplett bei Youtube anhören.



Beitrag empfehlen / kommentieren
Kommentar abgeben