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Berlinale 2012 – Eröffnungsfilm

Leb‘ wohl, meine Königin! – Revolution ohne Durchhaltevermögen

von Sara-Lena Niebaum
Freitag, 10. Februar 2012

1789: Marie Antoinette ahnt noch nichts von der bevorstehenden Revolution, die in ihrem Volk vorbereitet wird. Sie lehnt lieber gelassen auf ihrem Bett, geht ihrem schüchternen Gemahl aus dem Weg, lässt sich vorlesen oder begnügt sich mit einer anderen Dame. Der Stoff von Benoît Jacqouts Werk klingt zunächst vielversprechend, vielleicht sogar wirklich als Berlinale-Eröffnungsfilm geeignet. Doch was sich dahinter verbirgt, ist etwas ganz anderes – leider. Da kann auch Sympathieträgerin Diane Kruger, die als Marie Antoinette durchaus nett anzusehen ist, nicht helfen.

Prunkvoll ging die Herrschaft zu Grunde! (Foto: © Carole Bethuel)

Sidonie Laborde (Léa Seydoux) ist jung, lebenslustig und die Vorleserin Ihrer Majestät, Marie Antoinette (Diane Kruger). Als Hofdame läuft ihr Leben nach einem einfachen Prinzip ab: Wenn die Königin nach ihr verlangt, hat Sidonie zu gehorchen. Doch so einfach Marie Antoinette es am Hofe mit ihren Damen hat, ist es um ihr Volk nicht bestellt. Die Menschen begehren auf, sie wollen dem Luxus-Leben im Königshaus ein Ende machen und sie wollen, dass Frankreich sich wandelt. Kurz: Die Revolution steht kurz bevor. Für Marie und ihre Damen ist das jedoch kein Grund zur Unruhe. Während der schweigsame, dümmlich wirkende Louis XVI, Maries Gemahl, sich schon mit dem Gedanken auseinandersetzt, unbewaffnet vor sein Volk und damit von seinem Thron herab zu steigen, schlemmt Marie noch ein wenig. Sie leidet aus einem ganz anderen Grund, der weder mit Politik noch mit Macht zu tun hat: Marie Antoinette ist verliebt. Und zwar in die Duchess von Polignac (Virgine Ledoyen), eine attraktive Brünette, die zum Hofstab gehört, aber nicht von jedem so begehrt wird wie von Antoinette. Und während sich ein Netz aus nichtigen und wichtigen Intrigen über den schönen Schein des Hoflebens spannt, wird Sidonie immer wichtiger für Marie Antoinette. Sie ist die einzige, die von der Liaison zwischen den beiden adligen Frauen und damit auch um das dunkle Geheimnis bei Hofe weiß. Und sie ist die einzige, die die Gefühle der beiden Frauen versteht, während draußen die letzten Tage vor dem Sturm auf die Bastille beginnen…

Man könnte es mutig nennen, was Regisseur Benoît Jacquot aus der bekannten Story um den Machtwandel im Frankreich des 18. Jahrhunderts macht. Aber wie gesagt, man könnte. Denn das, was Jacquot letztendlich filmisch aus dem ausgedachten Plot rund um die lesbische Königin macht, ist nicht konsequent genug ausgeführt, um es als gelungene Provokation vielleicht sogar als Wagnis zu beschreiben. Aber lassen wir konstruktive Kritik walten und bleiben somit beim Positiven des Films „Les adieux à la reine!“, übersetzt „Leb‘ wohl, meine Königin!“. Da wäre zum einen die attraktive und starke Diane Kruger. Sie passt zur Rolle der Marie Antoinette, gibt ihr durch ihre betonte weibliche Hingabe sogar noch ein neues, unbekanntes Profil. Das ist alles andere als selbstverständlich, vor allem weil der letzte ausführliche und bonbonpinke Film über die Französische Ikone „Marie Antoinette“ noch nicht allzu lange her ist. Von Kirsten Dunst oder gar einer Adaption deren Interpretation ist hier zum Glück nichts erkennbar. Kruger gelingt es charmant, dieselbe Person weiblicher, weniger überheblich und durchaus resigniert darzustellen. Nahm man Dunst die depressive Seite nicht ab, ist Krugers Ruhe innerhalb ihres Schauspiels wirklich gelungen. Sie überzeugt mit authentischer Weiblichkeit. An dieser Stelle gibt es ein Plus.

Damit das überhaupt möglich ist, kommt es auch auf das Set, das Kostüm, die Ausstattung an. Hier punktet das Team von „Leb‘ wohl, meine Königin!“, wenn auch der faktische Zerfall des Palasts nicht deutlich genug untermalt wird. Die Kleider sind dem Rahmen entsprechend gut getroffen, betonen das für die Zeit übliche üppige Dekolleté der Damen gut und besinnen sich statt auf eine extreme auf eine königliche Farbgebung – hier ist die Auswahl als Eröffnungs- und Wettbewerbsfilm während der Berlinale 2012 durchaus nachvollziehbar, wenn nicht sogar berechtigt. In anderen Bereichen leidet das Werk dann aber wieder unter dem, was für den Erfolg und die Qualität eines Films den Tod bedeutet: fehlender Konsequenz und Authentizität. Teilweise werden die Szenenwechsel und der Zerfall der Protagonistinnen zu langsam inszeniert. So dauert es beispielsweise zu lange, bis klar wird: Marie hat eine Affäre. Dabei ist das doch das wesentlich Neue an Jacquots Interpretation und Idee. Hätte er sie schneller benannt, sie durchgezogen und dafür an anderen Stellen mehr in Drama investiert, wäre sie verständlicher gewesen. Und der Film hätte – so ganz nebenbei – seine Längen verloren.Die Intention des Regisseurs, Gestank und Schönheit darzustellen, kann nur zur Hälfte als erfüllt abgehakt werden: Schön sind die Damen; den wahren, authentischen, stinkenden Zerfall bringt Benoît allerdings nicht auf die Leinwand. Und apropos Zerfall: Was soll die These der Homosexualität eigentlich an dieser Stelle? Haltbar ist sie keinesfalls und in welcher geistigen Umnachtung Jacquot auf diese zündende Idee kam, bleibt auch zu klären offen.

Eröffnung hin oder her: „Leb‘ wohl, meine Königin!“ ist nicht nur bei den Kritikern umstritten. Bruno Ganz brachte es am roten Teppich nach der Gala und der Sicht des Werkes mit einem Wort auf den Punkt: „Mäßig!“, murmelte er in unser mephisto97.6-Mikro als Statement zum Film hinein. Und ganz ehrlich: Dem ist nichts hinzuzufügen…

Beitrag empfehlen: meinVZ

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