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Gender im Filmpunkt: Man for a day
Auch in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ wurde große Eröffnung gefeiert. Dabei im Zentrum: „Man for a day“. Worum es geht: Dokumentarfilmerin Katarina Peters begleitete einen Workshop rund um die Genderaktivistin Diane Torr. Letztere wagt ein interessantes Experiment mit Frauen aus verschiedenen Alters-, Job- und Nationalitäts-Gruppen. Die Frauen sollen dem Phänomen „Mann“ auf eine ganz besondere Weise begegnen. Sie übernehmen typisch männliche Verhaltensweisen, Gesten und Kleidungsstile und erleben so eine ganz normale Woche - nur eben als Mann. Cineastisch bleibt eine Frage dabei offen: Überzeugte Peters hier mit einem schlichtweg dankbaren Thema?

Geschlechtliche Identität – nicht erst seit gestern ist dieses Thema sozial relevant. Immer wieder wagen große Philosophen, Akademiker, Denker sich an die Klärung der Verhältnisse der Geschlechter. Und auch in der Filmwelt ist die Thematik angekommen: Filme, die Transgender und –Sexualität betrachten und Festivals, die das konservative Beziehungsmodell in Frage stellen, werden immer beliebter, immer größer, immer wichtiger. Das andere Geschlecht erzeugt Neugier und wirft gleichzeitig Fragen auf.
Diane Torr, Drag-King/Queen-Künstlerin, Mutter und Aktivistin, versucht diese Fragen anzugehen. In einem Workshop ebnet sie den Weg zur Konfrontation mit dem anderen Geschlecht, in diesem Fall den Männern. Filmisch begleitet wird sie dabei von der erfahrenen Dokumentarfilmerin Katarina Peters (zeigte beispielsweise auf dem Dokumentarfilm-Festival Leipzig „DOK“ 2004 den Film „Am seidenen Faden“). Im Zentrum der Betrachtung stehen fünf Kurs-Teilnehmerinnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Susann nimmt regelmäßig an regionalen Schönheits-Wettbewerben teil; die alleinerziehende Theresa wirkt schon von Natur aus etwas burschikos; Eva-Marie ist Politikberaterin aus dem schicken München; Tal ist Mode-Designerin, bevorzugt für die Männerwelt; Rosa machte schlechte Erfahrungen mit gewalttätigen Männern. Sie alle teilen somit nicht mehr als diese Erfahrung, den Workshop. Sie konzipieren neue, männliche Identitäten ihrer selbst, beobachten Männer im Alltag, lernen Gestiken, Gang- und Redensarten des anderen Geschlechts. Zum Schluss treten sie komplett in ihrer neuen Rolle auf. Die dabei gesammelten Erfahrungen driften ebenso auseinander wie die Ausgangssituationen der Frauen: Während die eine merkt, dass sie die Männerrolle gar nicht mehr ablegen möchte, kann die andere sie nicht einmal annehmen.
Das Thema ist aktuell, die Darsteller sind authentisch, gefilmt wird ohne Wertung, und am Ende erlebt man einen erstaunlichen Wandel, vielleicht auch Konflikt der Protagonistinnen – kurzum: Katarina Peters präsentiert mit „Man for a day“ nicht nur einen tollen Titel, sondern auch packendes, wenn auch dokumentarisch-langatmiges Filmmaterial. Mit Blick auf die Filmdarsteller muss man jedoch sagen: Peters hatte schlichtweg Glück. Der Film lebt von der Unterschiedlichkeit der Frauen und ihren Erfahrungen. Und nicht zuletzt lebt er auch von der beeindruckenden Diane Torr. Seit 30 Jahren macht sie sich für das Thema stark, inszeniert sich immer wieder selbst als Mann, dann wieder als Frau und holt die einst provokante These von Simone de Beauvoir zurück ins Rampenlicht: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht!“ – das Zitat fehlt im Film, ist doch der Gedanke, der dahintersteht, alles andere als neu.
Ein dankbares Thema also. Das klingt zunächst vernichtend, ist aber nicht so gemeint. Dokumentarfilme leben von ihrem Thema, ihrer Authentizität. Es ist ihre Aufgabe, etwas ohne Kunsteingriff realistisch abzubilden, Fragen aufzuwerfen, sie aber nur selten mit einer passenden Antwort zu verbinden. Eine gute Regie- und Drehleistung ist dafür unabdingbar. Sie ist gar essentiell und beginnt – im Gegensatz zu üblichen Blockbustern – nicht erst beim Dreh selbst. Recherche, Fokussierung, eine unauffällige Skript-Konzeption, all das muss gewährleistet sein. Katarina Peters bietet genau das. Ihr größtes Talent beweist sie mit einem geschickten dramaturgischen Griff, mit dem sie die Zuschauer abzuholt. So äußern die Workshop-Teilnehmerinnen zu Beginn, was sie von der Männerwelt halten, und damit was sie für Erwartungen an das Leben als Mann haben, bevor sie jemals einer gewesen sind. Schon bei diesen Interviewausschnitten beginnt die Identifikation des Zuschauers mit dem Thema. Man schüttelt den Kopf, stimmt den Aussagen zu, lehnt sie ab, wird mit Vorurteilen und subjektiven Wahrheiten konfrontiert.
Doch: Ist der Status als Eröffnungsfilm einer Sektion zu hochgegriffen? Ja und Nein zugleich. Ja, weil der Film wenig filmisches Inszenierungs-Talent braucht und zeigt – Dokumentarfilme leben natürlich auch vom richtigen Schnitt, Stilmittel werden jedoch zweitrangig. Nein, weil er die eine oder andere Frage aufwirft, die auch danach noch in den Köpfen der Zuschauer umherschwirrt. Die Konstruktion und Dekonstruktion des Geschlechts wird offensichtlich: Die Probandinnen werden zu Männern und dann wieder zu Frauen, die nie wieder Männer sein wollen oder aber für immer in deser Rolle verharren möchten. Zwei Fragen bleiben dennoch offen: Was würde Beauvoir dazu sagen? Und hätte Judith Butler bei dem Workshop mitgemacht? Peters blendet letztlich beide Vorreiterinnen dieser Gedanken nahezu vollkommen aus. Und beweist damit Mut zur Lücke an der falschen Stelle.



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