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Benjie - "Gelobtes Land"

von Daniel Krause
Montag, 12. Dezember 2011

Deutscher Reggae hat es nicht leicht. Schnell wird er als armselige Kopie der jamaikanischen Vorreiter oder als Nischenmusik rebellierfreudiger Ethnologiestudenten/innen abgetan. Selbst der Durchbruch diverser deutscher Vertreter, wie Gentleman, oder SEEED haben das Bild auf die Szene wenig verändert. Mit seinem neuen Album „Gelobtes Land“ stellt Musiker Benjie den Versuch an, aus diesen Schubladen auszubrechen.

kein Paradoxon: deutscher Reggae von Benjie (Quelle: privat)
Ein Urgestein der Szene

Angefangen hat bei ihm alles im zarten Alter von zwölf Jahren-am Commodore Amiga 500. Mit selbstgebauten Beats, Aufnahmen auf Kassetten und Hip Hop Jams entdeckte Benjie seine Vorliebe für Reggae Musik.

„Anfang der 90er hab ich immer die Sendung “Yo MTV Raps” auf Kassette aufgenommen. Da gab es ab und zu schon ein paar Crossover Songs mit Reggae Artists wie Super Cat oder Jamalski. Diese Styles haben es mir sofort angetan! Bald darauf bekam ich ein Reggae Mixtape in die Finger und da war es schon geschehen.“

„Ich rauch mein Ganja den ganzen Tag, ganz egal, wer auch immer was dagegen sagt“ – mit diesem Satz kam dann der Durchbruch in der Szene: „Ganja Smoka“- eine Hymne für Befürworter der Legalisierung von Cannabis.

Nach seiner ersten LP „So Gesehen“ kam es zu einem Vertrag mit dem deutschen Ableger des amerikanischen Black Music Labels „DefJam“, welches jedoch kurz darauf geschlossen wurde. Das hielt Benjie allerdings nicht davon ab 2006 bei einem neuen Label seine zweite LP „Unterwegs“ fertig zu stellen. Diese Zusammenarbeit verlief jedoch auch nicht optimal und endete mit einem Veröffentlichungsverbot seitens des Labels.

Erst 2010 gelangte er wieder auf „freien Fuß“, im Gepäck all die Songs und Styles, die sich über die lange Zeit angesammelt hatten.

Alte Gewohnheiten

Musikalisch wird auf „Gelobtes Land“ das Rad nicht neu erfunden. Doch dies ist auch nicht von Nöten. Denn vor allem die Reggaesongs sind sauber arrangiert und wippen in einem Moment seicht vor sich hin, während sie im anderen Moment viel Druck geben.
Songs, wie „Verdammt nochmal“ glänzen durch einen kräftigen Bass und treibende Dancehall-Rythmen. Zusammen mit Benjies unverkennbar tiefer Stimme lassen sie im Nu Hüften und Beine zum Takt bewegen.
Mit 3 Songs auf Hip Hop Beats („Hände Hoch“, „E.R.F.“ und „Gelobtes Land“) zeigt Benjie, dass sein Rapstil vielseitig einsetzbar ist. Ein musikalisches Zusammenspiel, das keine Überraschung, aber dennoch hörenswert ist.

Schluss mit lustig, aber das mit Humor!

Benjies Stärke war und ist der Text. Ohne die ewig gleichen Phrasen von „Equal Rights and Justice for all“ und „Fire pon (=upon) Babylon“ verfehlt er trotzdem nicht deren Botschaft. Viel zu oft denkt man sich bei Texten von Reggaekünstlern: „Guck an, dieser Satz ist dochvor 2 Liedern schon einmal gefallen…“. Benjie sorgt an der Stelle für Abwechslung.

Dabei erklärt er auch die in der westlichen Welt oft missverstandene Metaphorik in der jamaikanischen Sprache „Patois“. Während zum Beispiel ein „Kill the Soundboy!“ in unseren Gefilden oft zu schnell als Aufruf zur Gewalt gegen Mitmenschen abgetan wird, geht Benjie tiefer und beschäftigt sich in „AK & Uzi“ mit dieser Thematik: „ Ich tu‘ keinem weh, hab keinen Bock auf Gewalt, (Geräusch vom Laden einer Waffe) mach ich lieber wenn es musikalisch knallt. Positive Aggression in Dancehallversion, meine einzige Waffe ist mein Mikrofon.“

Oft wirkt Benjie auf diesem Album rigoros und direkt. Er drückt schonungslos aus, wie er die Dinge sieht. In „Verdammt nochmal“ lässt er seiner Wut auf die aktuellen politischen Zustände in Deutschland freien Lauf: „ Jeder sieht, Politik dreht sich nur um sich selber, scheiß auf die Menschen, interessieren tun die Gelder. Man schließt Schulen, Büchereien und viele Schwimmbäder, schimpft über PISA und doch feuert man Lehrer.“

Seine politische Einstellung wirkt klar antikapitalistisch. Während „Der Tag“ einen Aufstand der Gebeutelten des hiesigen Systems prophezeit, ist  „0 Euro“ eine klare Ansage an die Musikindustrie

"Ich strebe ein Ideal an was ich nicht erreichen kann, aber es gibt meinem Tun eine feste Richtung. Das einzige was ich sicher weiß ist, dass dies für mich sehr wichtig ist, wichtiger als jeder Euro."Doch Benjie teilt nicht nur aus. Im Song „Dieser Mann“ geht es um Selbstkritik am Verhalten in Beziehungen und mit „Risiko“ preist er an, dass die Liebe ein lohnenswertes Risiko ist.

Tracklist

01. Hände hoch
02. Dieser Mann
03. Man redet schlecht
04. Risiko
05. AK & Uzi
06. Für 0 Euro
07. Verdammt nochmal
08. An Babylon
09. Der Tag
10. Zu Hause
11. Feierabend
12. Gelobtes Land
13. E.R.F.

Versuch gelungen?

Auf „Gelobtes Land“ geht es politisch, rebellisch und gleichzeitig entspannt zu. Gepaart mit typischen Off-Beats und einem wummernden Bass, entspricht es zum Teil dem eingangs genannten Blick auf die deutsche Reggaeszene. Und das ist ganz und gar nicht schlimm! Denn Politik und Reggae sind zwei untrennbare Elemente, die seit den ersten Fußstapfen dieser karibischen Musikrichtung den Weg in die Welt stets gemeinsam bestritten.

Was dieses Album von anderen unterscheidet ist die Konsequenz und die Härte, mit der Benjie seine Ansichten kund tut. Man spürt, dass dem Jungen in den letzten Jahren des Veröffentlichungsverbotes einiges auf der Seele lag und dies jetzt raus musste. Dass er sich dabei nicht besserwisserisch über die Dinge stellt, sondern auch eigene Fehler zugesteht, macht ihn nur menschlicher.

Dann und wann wünscht man sich, dass er etwas deutlicher rappt und singt, damit man auch wirklich nichts vom Text verpasst. Denn die verschiedenen musikalischen und textlichen Facetten laden ein zu einer Sicht von Benjie auf die Welt. Und die ist alles andere, als uninteressant.

Beitrag empfehlen: meinVZ

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