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Kinder, wie die Zeit vergeht...

Dienstag, 23. September 2008

Es gibt Dokumentarfilme die begleiten ihre Protagonisten am wichtigsten Tag ihres Lebens oder eine Reisestrecke entlang. Der Filmemacher Thomas Heise war da deutlich ausdauernder: 16 Jahre traf er sich immer wieder mit Jeanette aus Halle/Neustadt, begleitete ihre Kinder, Eltern und Geschwister. Der entstandene Dokumentarfilm ist konsequent schwarz-weiß und – sehr erfolgreich. Denn „Kinder. Wie die Zeit vergeht“ erhielt im November vergangene Jahres die Silberne Taube für lange Dokumentarfilme auf dem Leipziger Dokfilmfest. Jetzt - fast ein Jahr später - kommt der Film in die deutschen Kinos.

Quelle: GMfilms

Industrie-Idylle in Halle Neustadt. Hochspannungsleitungen, Kerosinspeicher und mittendrin: Uniforme Neubauten. In einer der winzigen Wohnungen lebt Jeanette, 24, alleinerziehend. Ihre zwei Jungs schlafen nebenan und die pragmatische Jeanette gerät ins Plaudern.

´N Traummann hab ich nicht. Er muss lieb zu mir und zu den Kindern sein, darf nicht trinken. Nicht gewalttätig sein, das hab ich ja durch. Muss einfach lieb sein, lieb, brav.

In den rekordverdächtigen 16 Jahren, die Thomas Heise Jeanette begleitet, erfüllen sich für die schmale Frau viele Träume: Die Umschulung zur Busfahrerin, eine kleine Wohnung mit ihrem neuen Mann Guido und eine Tochter. Doch auch ihre Befürchtungen bewahrheiten sich: Ihr „Großer“ Tommy wird vom frechen Bengel zum Schulabbrecher....  

Das Zeugnis, was du bekommen hast noch von deiner alten Schule. Die Zensuren sind..." -" scheiße!"..."Mmmh. Das heißt ich muss wissen: Willst du das wirklich und kannst du das wirklich? Intelligenzmäßig trau ich’s dir zu." "Na klar, bin bloß zu faul dazu.

Beiläufig und vertrauenselig wirken die Szenen – nie aber belanglos. Thomas Heise zeigt in schwarz-weiß durchkomponierte Bilder einer trostlosen Stadt: Verwaiste Balkone, Zigarettautomaten, Eiszapfen an verrosteten Stahlträgern. Entschiedene Nahaufnahmen von denen auch die Interviews leben, die über die Jahre zu Gesprächen wurden. Etwa, wenn Jeanettes jüngerer Brüder Tino seine rechtsradikale Einstellung zu erklären versucht.
 
Man hat sich ja nicht umsonst was dabei gedacht, verschiedene Länder zu haben mit verschiedenen Menschen drinne. Es gibt Italien, da sind halt Italiener, es gibt Deutschland da sind halt Deutsche. Ich find es nicht jut, da nimmt man mal ne Handvoll von denen und von denen und packen sie mal da rein und gucken, was passiert.

Ein Dokumentarfilm, der das Ringen um die Nähe zu seinen Protagonisten gewinnt. Thomas Heise blickt auf das Leben von Jeanette wie ein nicht ganz weit entfernter Verwandter, ein vertrauter Besucher - und genau das ist er über die Jahre wohl auch geworden. So ist der Film zwar kein Freundschaftsdienst, aber ein sehenswerter Vertrauensbeweis.

Von Eva-Maria Lemke