Livestream

Berlinale 2012 - Blog

© Berlinale

Programmvorschau

Pistenfahrplan

Ausgehtipps für

Etwas ernstere Ausgehtips zu einem etwas wärmeren Wintertag...

An den Grenzen des Kinos

Mittwoch, 25. Februar 2009

An Anfängen und Enden, an Wenden und Umbrüchen halten die meisten kurz inne und fragen sich wo sie sind, wohin sie wollen und was sie eigentlich tun. Das machen wir nicht nur Silvester, sondern auch am Ende unserer Zeit mit Super8 - dem Kinomagazin. Was kann Kino sein und wo liegen vielleicht auch die Grenzen? Guy Debord ist ein filmischer Grenzgänger.

Stimme 1: "Nur in einer vor-revolutionären Periode ist die Liebe gültig."
Stimme 2: "Dich lieben nicht alle, du lügst! Die Kunst beginnt, verbreitet sich und verschwindet, weil unzufriedene Menschen über die Welt der offiziellen Ausdrucksweisen und die Festspiele ihrer Armut hinausgehen."
Stimme 3: "Sag mal, hast du mit Francoise geschlafen?"

In dem Film "Geheul für Sade" von Guy Debord wechseln sich vier Stimmen ab und sprechen monoton und emotionslos unzusammenhängende Sätze. Solche Sätze sind der einzige Bestandteil des Films, denn ein Bild, oder was der Zuschauer als Bild erwartet, gibt es nicht. Die Leinwand ist weiß. Und zwischendurch gibt es immer wieder Pausen des Schweigens von 30 Sekunden bis zu fünf Minuten. Am Ende wird vor dem Abspann ganze 24 Minuten nichts gezeigt. Währenddessen wird die Leinwand vollkommen schwarz. Ein Film also, der abwechselnd eine schwarze oder weiße Leinwand zeigt, ohne Geschichte, ohne Musik, dafür verwirrende Texte und lange Pausen der Stille. Eine Stille, die im Kinosaal unerträglich werden kann und das Publikum auf sich selbst aufmerksam machen soll. Denn wenn die Leinwand keinen Grund gibt hinzuschauen, wird der Kinosaal als ganzer zur Bühne und das Publikum folgt nicht nur den Gedanken der Protagonisten, sondern fragt sich selbst:


-Was ist das denn? Das ist doch kein Film!
-Was mache ich hier? Und wozu habe ich bitte Geld ausgegeben?
-Was isst die da vorne denn so laut ihr Popcorn!
-Ist das Kunst?
-Wenn das für mich kein Film ist, was ist dann ein Film?
-Wenn ich Geld ausgebe, um ins Kino zu gehen, bezahle ich dann den Künstler für eine Dienstleistung?
-Wie blöd, alle sitzen hier und starren auf die Leinwand. Wie eigentlich bei jedem Film. Obwohl es hier ja nichts zu sehen gibt.
-Ist das Kino ein Ort der Unterhaltung oder der Kunst und Kultur? Oder ist vielleicht auch Unterhaltung Kunst? Oder Kunst Unterhaltung?

Guy Debord selbst hat die Gesellschaft als eine Gesellschaft des Spektakels gesehen: eine passive Gesellschaft, die nur konsumiert. Durch Filme wie "Geheul für Sade" wollte er die Gesellschaft wachrütteln. Soweit Debords Theorie. Guy Debord war ein französischer Situationnist. Als solcher versuchte er, Situationen zu konstruieren, die die Kunst mit dem Lebensalltag vermischen und dadurch das Leben selbst zur Kunst werden lassen.
Der Film "Geheul für Sade" wurde 1952 im Pariser "Kinoclub der Avantgarde" uraufgeführt. In Guy Debords Buch "Gegen den Film" heißt es:
"Fast gleich am Anfang und nicht ohne Gewaltanwendung wurde die Vorführung vom Publikum und den Leitern des Kinoclubs unterbrochen."
Ob das für Debord eine erschütternde Niederlage war, oder ob es genau die Reaktion war, die er hervorrufen wollte, bleibt offen. Seine folgenden Filme haben jedenfalls neben der Textspur auch eine Bildspur. Was ein Film ist und was Kino ist, das wird nur an den Grenzen sichtbar. Und die sind heute wohl gar nicht so anders als sie es schon 1952 waren. Denn die Reaktionen auf diesen Film in einem Kino wären heute sicher ähnlich. Daher werden solche Filme wohl eher in Galerien gezeigt und somit von allgemein an Kunst Interessierten gesehen.

 

Von Sarah Nieber