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Ryat - Totem
Ein Garten: Auf einem kleinen Areal herrschen paradiesische Verhältnisse. Das Gras steht bis zu den Waden. Bäume und Sträucher wachsen wild. Der schmale sandige Weg mittendurch ist von Ameisenstraßen gesäumt, Weberknechte stelzen die unkrautige Grasnaht entlang. Während sich Vögel von ihren meterhohen Posten zu Wort melden, lässt sich entfernt eine Silhouette erkennen. Es ist Christina McGeehan, Ryat. Sie sitzt nahe eines veralgten Tümpels, die Augen fest geschlossen. Sie ist abwesend, dichtet, sammelt sich und arrangiert. Die Frucht: “Totem“.

Zeugnis einer Metamorphose
„Viele Dinge versuchten mich zu ersticken. [...] Mit ’Totem’ nahm ich die Rolle eines allumfassenden Außenstehenden an, der auf dieses Trauma und dessen gesellschaftlichen Ursprung blickt“, sagt Christina McGeehan, Sängerin, Multiinstrumentalistin, Produzentin und Frau hinter dem Alias Ryat. Die vergangenen Jahre der US-Amerikanerin seien getrübt von Schicksalsschlägen gewesen. Doch sie hätten sich positiv auf ihre Persönlichkeit ausgewirkt. Wie McGeehan sagt, sei sie bodenständiger, ruhiger, unabhängiger geworden. “Totem“ ist nun Zeuge und Resultat dieser Metamorphose. Inhaltlich wie auch musikalisch unterscheidet sich das dritte Album von Ryat stark von seinen Vorgängern. Ihr stilles Debüt “Street Noise Orkestra“ von 2009 verzichtete noch größtenteils auf elektronische Komponenten. In Zusammenarbeit mit anderen Musikern nahm sie die Instrumente analog auf und bearbeitete diese Aufzeichnungen nur geringfügig. “Avant Gold“ erschien ein Jahr später. Hier arbeitete sie mit dem befreundeten Tim Conley zusammen. „Das Konzept von ’Avant Gold’ war eine Avant-Pop-Platte, die sich mehr auf politische Themen bezog.“ Mit dem Album gelang Ryat international ein kleiner Durchbruch. Die Zusammenarbeit mit Conley währte allerdings nicht lange. Zwar wirkte er an “Totem“ zu Beginn noch mit, aber Tim „fokussiert sich derzeit auf sein Soloprojekt Mast, deshalb übernahm ich größtenteils allein die Kontrolle bei dem Album. So wollte ich es diesmal auch.“ So erklärt sich die große Distanz zwischen den drei Studioalben der US-Amerikanerin. “Street Noise Orkestra“ entzückte durch sympathische Strukturen, die oftmals das ungeheure Potential Christina McGeehans aufblitzen ließen. “Avant Gold“ zeigte sich deutlich massenkompatibler, wurde zugleich aber eine erste Spielwiese im elektronischen Milieu für die Künstlerin. “Totem“ ist nun nicht nur die Klimax einer persönlichen, sondern auch musikalischen Entwicklung.
Playlist: 01. Windcurve 02. Owl* 03. Howl 04. Seahorse* 05. Hummingbird 06. Footless 07. Invisibly Ours 08. Object Mob 09. Invisibility Cage 10. Raiz* 11. Totem * - Anspieltipps
Mut zur Hektik
“Totem“ von Ryat ist ein durchdachtes, hochkomplexes Ungetüm, das den Hörer auf den ersten Blick wohl einschüchtern dürfte. Von den elektronischen Grundmauern über die analogen Dachkonstruktionen bis hin zu dem raumfüllenden Gesang der Protagonistin - McGeehan fordert den Konsumenten auf allen Ebenen. Hat dieser jedoch Fuß gefasst und nähert sich unbeirrbar dem Klangkosmos der US-Amerikanerin, wird er reich belohnt. Ihre detailverliebten und experimentierfreudigen Arrangements treiben an, beruhigen andernorts wieder, nur um im folgenden Moment den nächsten Ausbruch heraufzubeschwören. Ryats drittes Werk sorgte in der Musikpresse zuhauf für Vergleiche mit Radiohead und vor allem Björk. Die Musikerin coverte die Band um Thom Yorke sogar schon mehrmals - immer mit dem eigenen Anspruch, an den Songs künstlerisch zu wachsen. Den Vergleich mit der Isländerin Björk versteht sie jedoch nicht so recht. Zwar denke sie ähnlich unkonventionell, allerdings seien der Hintergrund, Stil und der musikalische Ansatz grundlegend verschieden. Dennoch ehre sie der Vergleich. Bei der Vorliebe für extravagante Kompositionen sollte man davon ausgehen, dass McGeehan einen gewissen Vorrat der Björk’schen Soundsphären daheim vorrätig hat. Ihr Bekenntnis zum Musiknerd-Dasein dürfte die Annahme bestätigen.
Am 13. Juli hat Ryat zusammen mit Nosaj Thing ihr bislang einzig geplantes Deutschlandkonzert im Berliner Gretchen.
Die Reise ins Ich
Die elf Titel auf “Totem“ sind das Ergebnis verschiedener Schaffensprozesse. Der Beginn war der Umzug von Philadelphia ins sonnige Los Angeles. Zum einen wollte Ryat dort mit anderen Künstlern in Kontakt kommen. Zum anderen hatte sie aber einen Ort der Inspiration vor Augen, in dem sie das ganze Jahr verbringen konnte: einen Garten. Zuerst entstanden die Ideen muskalischer Arrangements. Mit diesen ersten Klangskizzen bewaffnet ging es dann ins Freie, wo sich McGeehan den Eindrücken der Natur hingab. Sie meditierte über die Titel, Worte formten sich, bildeten Reihen, Verse und schließlich Gedichte. Was auf den ersten Blick wohl kaum auffallen dürfte: Jeder der elf Songs des Albums repräsentiert ein Tier, dass ihr entweder in Visionen oder real begegnete. Ryat beschäftigte sich zudem mit der Mythologie der Ureinwohner Amerikas. Auf diese Weise formten sich die Stücke auf dem Langspieler zu einem akustisch und literarisch übersetzten Zoo. Allerdings halten dessen Bewohner nur wenig von Streicheleinheiten.
Besuche Ryats offizielle Webseite, folge ihr auf Twitter, Tumblr, Soundcloud und Facebook, hör noch einmal kurz in die Songs von "Totem" rein oder kaufe die Platte direkt.
Mathematik & Emotion
Die Songs auf “Totem“ lassen sich allesamt kaum in Schubladen stecken. Im Gegensatz zum Vorgänger blitzen Popstrukturen nur noch selten auf. Stellenweise durchdringen Elemente des Jazz oder Blues die fordernden Arrangements. Berechenbar ist hier nichts. “Windcurve“ umgarnt den Hörer mit sanften Harfenklängen - eine leichte Brise im Reigen der tierischen Laut- und Wortmalereien. Doch der Schein trügt. Der Wind zieht an, Vögel stellen sich gegen eine Böe, bevor sie einbrechen und sich wegtragen lassen. “Invisibly Ours“ beginnt mit einer warmen Gitarre, während Ryats Stimme hintergründig blechern zwischen den Noten hervorhallt. Sie beginnt mit den Versen und zum ersten und wohl einzigen Mal auf “Totem“ breitet McGeehan ihre Stimme fast unbearbeitet über ein Stück aus. Der Song spiegelt wohl am Besten das Gesangsspektrum der Musikerin wieder. Mal melancholisch und intim, mal scheinbar übermütig, und dann wieder verzweifelt und resignierend im Falsett. “Seahorse“ ist der experimentellste Ausreißer der Platte. Hektisch überschlagen sich bereits zu Beginn die Stimmenlagen. Synthesizer und ein Glockenspiel werden an ihre Grenzen getrieben. Ein scheinbar alle drei Sekunden den Rhythmus wechselnder Beat peitscht das Stück voran. Die Protagonistin zersetzt ihre eigene Stimme auf jedem nur erdenklichen Weg. Und nach der Hälfte des Songs plötzlich: ein „Doo doo doo“ und es folgt der wohl poppigste Teil des gesamten Albums. Wer sich nun in Sicherheit wähnt, hat die Rechnung ohne McGeehan gemacht. Zerstückelte Stimmenfragmente hallen durch das Songgerüst. Die Klimax kündigt sich an und reißt schließlich binnen zehn Sekunden alles nieder - definitiv eine der grenzwertigsten, forderndsten und ansprechendsten Achterbahnen das Jahres.
Zurück zu den Wurzeln
Der Bogen zwischen “Totem“ und Ryats Erstlingswerk “Street Noise Orkestra“ umfasst einige Jahre und unzählige musikalische Dimensionen. Trotzdem dürfte die neue Platte von Christina McGeehan vor allem die Hoffnungen derjenigen erfüllen, die nach SNO auf eine Weiterentwicklung des darauf gezeigten Potentials warteten, mit “Avant Gold“ aber enttäuscht wurden. Ryat hat musikalisch und persönlich eine enorme Entwicklung erfahren. “Totem“ ist das Manifest dieser Metamorphose, ein episches Monument, das es zu erstürmen gilt. Hörer, die es wagen sollten, werden hochgradig belohnt. Auf sie wartet ein Garten voll gediehenen Anspruchs, eine schier wild wuchernde Detailverliebtheit und das organische Gesamtarrangement einer brillanten Musikerin.




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