Programmvorschau
Kontakt
Tel.: 0341 / 97 37 -962
und -968
Fax: 0341 / 97 37 999
Redaktion Faustschlag
Pistenfahrplan
Konzert, französische Freiheit und ein tyrannischer Diktator. Der Abend in Leipzig.
Online-Redaktion
Tel.: 0341 / 97 37 976
Fax: 0341 / 97 37 999
online(ät)mephisto976.de
"Literatur ist nicht planbar!" - Buchmessepreisträger Clemens Meyer im Interview
Clemens Meyer hat den Buchmessepreis in der Kategorie Belletristik gewonnen. In seinem Erzählband "Die Nacht, die Lichter" zeigt er eine Parade geplagter Existenzen. Warum sich Scheitern dennoch nicht vermeiden lässt und wie es sich anfühlt, die eigenen Figuren auf der Theaterbühne zu sehen, hat er Kathrin Ruther erzählt.

Kathrin Ruther
Gestern war die Preisverleihung. Noch ordentlich gefeiert?
Nein, also nicht so sehr gefeiert.
Nur ein bisschen?
Ich habe ja vorher schon getrunken. Ich hatte schon vor dem eigentlichen Preis meine kleine Privatfeier, ohne dass ich wusste, dass es was wird. Ich dachte es wird nichts und dachte, da kannst du auch vorher schon... Da ging der ein oder andere Cognac hier rein und das ein oder andere Glas Sekt und das ein oder andere Bier und dass ich danach etwas runterfahren musste. Heute ist ja auch noch ein Tag und ist wieder zu tun.
Vorfeiern bringt ja eigentlich Unglück, aber gestern hat es ganz schön Glück gebracht.
Das war ja nicht vorfeiern. Das war eher Entspannung suchen vor der Anspannung, dass man sagt: ‚Ich trinke noch mal lieber ein paar Gläser. Dann kommst du was runter.’ Aber das hat eher das Gegenteil ausgelöst.
15.000 Euro bekommen durch den Preis, was machen Sie mit dem Preisgeld?
Das ist so eine Frage - ‚Was machen Sie mit dem Geld’ – das geht doch niemanden etwas an, was ich mit dem Geld mache. Das ist erstmal das Erste, finde ich. Und das ist eine Kindergeburtstagsfrage – ‚Was machst du mit deinem Geschenk’ – ich muss ja leben, ich bin Schriftsteller. Rechnen Sie mal, wie lange kann ich von 15.000 Euro leben? 15 Monate? Das ist ein bisschen knapp, finde ich. Ich kann mit 1.000 Euro im Monat leben. Aber das wäre... Entschuldigung jetzt geht mein Telefon. Ich mach es mal aus.
Das wäre super.
Aber zu dem Geld: Ja klar, man will da was Sinnvolles mit machen. Ist aber nicht so, dass ich etwas geschenkt kriege oder im Lotto gewonnen habe. Das muss eine Weile jetzt reichen. Ich will ein paar Steuerschulden bezahlen und mal gucken, was noch übrig bleibt.
Kommen wir mal zum Schreiben jetzt. Für den ersten Roman „Als wir träumten“ haben sie viele Preise, viele Stipendien bekommen, das wird jetzt am Schauspiel Leipzig inszeniert. Und zwar von Armin Petras. Was ist das für ein Gefühl, wenn das eigene Buch jetzt als Stück auf die Bühne kommt?
Noch ist es kein konkretes Gefühl. Ich kenne zwar das Skript, was er gemacht hat und habe auch daran mitgearbeitet teilweise bzw. er hat es in Absprache mit mir erstellt, die Drama-Version. Ich war jetzt vor zwei Tagen das erste Mal dort und habe mir Proben angeguckt. Und das war dann schon etwas befremdlich, wenn die Figuren da auf der Bühne sich bewegen, die du erschaffen hast, die Dialoge so sagen, wie du sie geschrieben hast im Buch. Das ist schon etwas Anderes, etwas Besonderes. Aber ich muss mal sehen, wenn dann die Premiere ist, ob es mir gefällt oder ob er es gut hingekriegt hat, aber ich bin eigentlich guter Dinge.
Gibt es einen Schauspieler, eine Schauspielerin, die Ihnen besonders gut gefällt? Carolin Conrad ist zum Beispiel dabei.
Ich habe bloß zwei gesehen. Eine hieß irgendwie Antje... Antje mit Vornamen jedenfalls. Die spielt den Ich-Erzähler.
Anja Schneider vielleicht.
Anja? Anja doch vielleicht, nicht Antje. Ich vergesse Namen schnell, das ist schlimm. Und dann war noch eine andere, ich habe auch den Namen vergessen. Waren eigentlich alle ganz nett. Und waren lauter Mädels da. Denn das ist ja der Clou: Jungs werden von Mädchen gespielt. Also so von Mädchen gespielt, dass man sieht, dass es Männer sind, dass es männliche Figuren sind, die also Männerkleider tragen. Aber es sind eben Frauen als Schauspieler. Das fand ich dann doch irgendwie interessant.
Wir dürfen also gespannt sein auf „Als wir träumten“ am Schauspiel Leipzig, am 13. April hat das ja Premiere. In Ihrem neuen Erzählband „Die Nacht, die Lichter“ da kommen auch unterschiedliche Charaktere vor. Also zum Beispiel ein Junkie auf Entzug, jemand, der versucht für seinen Hund das Geld für die notwendige OP beim Pferderennen zu erwetten. Diese Figuren scheitern auf eine Art. Und das ist ja geradezu konträr zu Ihrem Leben, das Sie im Moment haben. Warum haben Sie trotzdem...
Das hat doch damit nichts zu tun, was ich für ein Leben führe und was ich schreibe.
Warum haben Sie sich das Scheitern als zentrales Thema ausgesucht?
Ich habe es mir nicht ausgesucht als Thema. Ich schreibe Geschichten über Menschen in gewissen dramatischen Situationen. Und für mich steht die Geschichte im Vordergrund und nicht irgendwie ein Thema wie Scheitern. Scheitern ist auch kein Thema. Scheitern tut jeder irgendwann, weil wir alle irgendwann sterben müssen und der Weg bis dahin lang oder kurz ist und da immer viel passieren kann. Und das Scheitern... nennen Sie mir doch ein großes Buch der letzten 50 Jahre, das ein Happy End hat.
Es gibt leider wenige. Ist schade.
Das ist nämlich eins der großen Themen der Literatur. Das Scheitern, die Dramatik. Für mich birgt das natürlich ein größeres dramatisches Potenzial als irgendwie belanglose Lifestyle Geschichten zu erzählen.
Weil unser Leben vielleicht auch eher scheitern ist? Weil eigentlich, wenn man sich so umguckt, gibt es viel Lifestyle.
Das interessiert mich ja nicht. Ich suche ja Geschichten wo etwas passiert. Deshalb heißt das ja auch Stories, das Buch, weil wenn ich eine Idee habe, dann muss mich das anspringen, dann muss ich sagen: ‚Mensch, das ist eine Story, da schreibst du was.’ Wieso soll die Geschichte des Mannes, der auf die Rennbahn geht und Geld für seinen kranken Hund versucht zu gewinnen und zu erspielen, indem er auf Pferde setzt, was hat das mit scheitern zu tun? Das ist eine hochdramatische Geschichte, wo Bewegung ist, wo Dinge passieren, wo eine Entwicklung stattfindet und wo wir mit diesem Mann mitfühlen und mitleiden. Dass am Ende höchstwahrscheinlich das Geld nicht bei ihm bleibt, was man aber nicht genau weiß, das gewonnene Geld, das ist die andere Sache. Aber bis dahin passiert etwas, es wird eine Geschichte erzählt. Das ist ja das, was im Vordergrund steht. Und scheitern, scheitern, scheitern hin, scheitern her, einige Figuren im Buch scheitern ja auch nicht. Es gibt zwei, drei, vier, wo es in der Schwebe bleibt. Es ist einfach so, dass der Kulturbürger, oder wie man es auch immer nennen mag - ohne irgendjemandem etwas Schlechtes zu wollen -, eher sagt, dass Figuren scheitern, wenn sie sich in bestimmten Umfeldern, bestimmten Welten bewegen, die sie nicht kennen. Also man sagt eben schnell ‚da sind Leute im Knast, ach das ist ein verkorkstes Leben. Die sind gescheitert.’ Wenn das Leben immer so einfach wäre, dann wäre es schön. Aber selbst Leute, die im Gefängnis saßen, oder die anderweitig Probleme haben – man muss nicht immer sagen, die sind gescheitert, oder scheitern. Die leben eben einach so wie sie leben. Und das Leben ist nicht immer so einfach. Ist eben so.
So wie Sie sich auch immer dagegen gewehrt haben, dass man Ihre Figuren als Randfiguren, als am Rand der Gesellschaft stehend bezeichnet, weil Sie sagen ‚so ist das Leben, so ist unsere Gesellschaft’?
Selbst wenn sie man Randfiguren sagt, sind sie auch Teil der Gesellschaft. Also ein Tellerrand gehört auch zum Teller. Das ist nun mal so, was mir auch egal ist. Ich selektiere meine Figuren und sage ‚nur wer unter 500 Euro brutto verdient hat es verdient eine Rolle in meinen Büchern zu spielen.’ Das ist doch vollkommener Blödsinn. Ich suche Geschichten, es ist wie wenn ich einen Film drehe. So konzipiere ich – zumindest im neuen Buch habe ich 15 Stories konzipiert und aufgeschrieben. Natürlich fällt es auf, es sind natürlich Gestalten – in Amerika würde man sagen Misfits -, die Probleme haben, die nicht gesellschaftsfähig sind, nicht dazupassen, isolert sind, alleine sind, nicht die geraden Wege gehen. Aber liegt doch auf der Hand, passieren doch unglaubliche und spannende Geschichten. Für mich zumindest. Man braucht doch nur in die amerikanische Literatur zu gucken.
Egal, welches Bruttoeinkommen die Figuren haben, sie dürfen also in die Geschichten von Clemens Meyer rein. Das ist sehr gut.
Wen sie genügend Potenzial haben, um literarisch verarbeitet zu werden.
Also Potenzial und nicht auf Geld kommt es an für die Figuren. Wenn wir noch einmal zurückschauen auf den Preis, den Sie gestern erhalten haben, hier bei der Buchmesse und auf das Literaturgeschäft an sich, auf die Kulturbürger, die Sie angesprochen haben. Fühlen Sie sich wohl in dem Literaturgeschäft?
Was heißt ‚fühle ich mich wohl’? Also ich bin Schriftsteller. Ich habe mein Leben lang mich mit Literatur beschäftigt, habe geschrieben, habe gelesen. Und warum sollte ich mich auf einer Buchmesse nicht wohl fühlen. Natürlich gibt es die ein oder andere Situation im so genannten Literaturbetrieb, wo man sagt ‚ok, was soll das jetzt hier?’ Es ist wie überall, man trifft nette Menschen, man trifft aber auch mal ein paar Arschlöcher. Das ist nun mal so im Leben. Aber man weiß natürlich auch, dass es nicht damit endet ein Buch zu schreiben und das dann verlegt zu bekommen. Buch verkauft sich eben durch Werbung, durch Publicity, durch Medieninteresse. Und man muss natürlich genau aufpassen, inwieweit spielt man mit und inwieweit bleibt man bei sich selbst. Aber ich glaube das habe ich ganz gut im Griff.
Wie geht es denn jetzt weiter? Was sind die nächsten Pläne jetzt nach dem Preis?
Erst einmal muss ich die nächsten Tage hier von Termin zu Termin, habe ein paar Lesungen und dann muss man sehen, dann ist die Buchmesse vorbei, dann wird sich das langsam setzen. Und irgendwann, wenn ich wieder zur Ruhe komme, werde ich sicher das nächste Buch machen. Aber das kann noch ein bisschen dauern bis es fertigt ist. Das ist jetzt noch nicht so überschaubar.
Das sagt Clemens Meyer. Er schreibt weiter, aber das genaue Datum kommt vielleicht noch?
Das wäre ja noch schöner, wenn ich sagen würde, am 20.12.2010 ist mein Buch fertig.
Das wäre ein bisschen zu viel Leistungsdruck.
Nein kein Druck. Literatur ist nicht planbar – das hat man gestern wieder gesehen. Mal schauen. Aber ich bin Schriftsteller, was soll ich anderes machen als schreiben. Bleibt mir ja nichts anderes Übrig.
Wir sind froh, dass Sie weiter schreiben, Herr Meyer, vielen Dank, dass Sie da waren.
Danke, Danke. (un)
Foto: Juliane Stansch
Hören Sie hier das Interview von Kathrin Ruther:




hören
herunterladen
Beitrag empfehlen / kommentieren
Kommentar abgeben