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Nicht lesen und nicht schreiben

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Beipackzettel, Straßenbahnfahrpläne, Behördenbriefe - für vier Millionen Deutsche bedeuten diese alltäglichen Schriftstücke unüberwindbare Hürden. Denn diese Menschen können weder lesen noch schreiben. Der Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung e.v. gibt deshalb eine dreitägige Fachtagung zum Problem Analphabetismus.

Lesen - nicht für Jeden selbstverständlich
Probleme bei Alltäglichem

Mit Analphabetismus verbinden die meisten Leute Entwicklungsländer und Armut. Lesen und Schreiben zu können, gehört für den Großteil der Deutschen zum normalen Leben. Für Gabriele Datzmann ist lesen alles andere als normal. Als Analphabetin fällt es ihr schwer, den Alltag ohne Hilfe zu meistern. Ihre Kinder hätten ihr bisher geholfen. Allerdings seien die nicht immer zur Stelle. Zum Beispiel auf dem Arbeitsamt habe sie große Probleme, so Datzmann.

Kongress bietet Lösungsvorschläge

Analphabeten verstecken sich und geben oft nicht zu, dass sie ein Problem haben. Der Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung e.V. lässt deswegen "Analphabeten zu Wort kommen". Unter diesem Motto veranstaltet der Verband einen dreitägigen Fachkongress in Leipzig. Dort treffen sich sowohl Wissenschaftler, Vertreter verschiedener Verbände, als auch Betroffene und Interessierte. Wie erreicht das Problem Analphabetismus die Öffentlichkeit? Und wie können die Betroffenen lernen ihre Defizite zu beseitigen? Das sind die zu lösenden Fragen des Kongresses. In verschiedenen Workshops, wie zum Beispiel zum Lesen und Verstehen von Beipackzetteln können sich die Teilnehmer untereinander austauschen. Einige Verbände und Projektgruppen haben bei ihrer Arbeit gegen den Analphabetismus schon große Erfolge erzielt. Brigitte Grünberg, Mitglied des Bildungs- und Sozialwerk Muldenthal, gehört dazu. Sie gibt Analphabeten Nachhilfe im Lesen und Schreiben. Dabei sind die ersten Schritte in die Welt der Buchstaben immer schwierig. Ein Kurs beginne damit, dass die Teilnehmer das Lernen lernen. Das seien oft Menschen, die dreißig Jahre nicht mehr auf der Schulbank gesessen haben, erklärt Grünberg.

Ursachen in der Kindheit

Die schon erwachsenen Schüler haben meist in ihrer Kindheit Schlimmes erlebt. Sie wurden von ihren Eltern vernachlässigt. Nur damit beschäftigt, sich selbst zu versorgen, haben die jetzigen Analphabeten das Lesen- und Schreibenlernen aus den Augen verloren. Und genau das holen sie jetzt wieder in Brigitte Grünbergs Kursen auf. Das Sozialwerk Muldenthal hilft Analphabeten kleine Fortschritte zu machen. Der Fachkongress motiviert dazu noch größere Schritte zu wagen. Ein ehemaliger Analphabet versucht beispielsweise den Betroffenen in seinem Buch die Angst vorm Schreiben zu nehmen und ihnen ein gutes Vorbild zu sein.

Ein Ziel vor Augen

Aber auch in der Öffentlichkeit darf Analphabetismus kein Tabuthema mehr sein. Diesen Wunsch hat auch Joachim Rattke. Er ist Analphabet. Jetzt lernt er Lesen und Schreiben und weiß die Vorzüge zu schätzen. Man sei freier und brauche niemanden mehr anzubetteln, berichtet Rattke. Er hat auch ein festes Ziel vor Augen: irgendwann möchte er studieren. (co)

Foto: Sanja Gjenero (www.sxc.hu)

Hören Sie hier den Beitrag von Sarah Frühauf

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