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Berlin Festival 2010

von Ayke Süthoff/ Thomas Voigt
Mittwoch, 15. September 2010

Unter schlechten Sternen: Das Berlin Festival wird erst ab-, dann auf ein Minimum runtergebrochen

Düstere Lasershow - Bis zum Auftritt von Fever Ray lief noch alles nach Plan (Foto: Geert Schäfer)

Gegen 2:30 Uhr in der Freitagnacht kam es an einer Sicherheitsschleuse vor Hangar 4 zu Szenen, die Polizei, Sicherheitskräfte und Veranstalter so stark an die Fernsehbilder von der Loveparade in Duisburg erinnerten, dass die Reißleine gezogen wurde. Festivalabbruch weil sich zu viele Fans am Bauzaun drängten. Samstag öffnete das Festival dann noch einmal die Türen, aber in einer Light-Version: Weniger Acts, viel früherer Beginn und um 23:30 Uhr war Schluss. Das fanden viele Besucher zu Recht nervig, aber irgendwie war es auch abzusehen, denn beim Berlin Festival läuft traditionell immer etwas schief.

Scheiße am Schuh

„Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh“, sagt man im Fußball, wenn ein Stürmer nicht mehr trifft. Einmal in die Scheiße getreten, wird man das Zeug eben nicht mehr so schnell los. Das Berlin Festival hat irgendwie auch von Anfang an Scheiße am Schuh gehabt. 2005, im Gründungsjahr, gab es eine eklatante Fehlkommunikation mit dem Namen: Das Festival fand satte 50 Kilometer außerhalb von Berlin statt. Natürlich waren die Veranstalter fest entschlossen, diesen Fakt geschickt durch das Wort „Berlin“ im Namen zu übergehen, die Zielgruppe durchschaute diesen Trick allerdings. Die ersten Jahre kamen trotz beachtlicher Line-Ups im Schnitt 300 Besucher. Die einzig richtige Konsequenz war, in die Innenstadt von Berlin zu ziehen. Doch Festival und Zuschauer kamen immer noch nicht auf einen grünen Zweig, auch weil sich lang keine passende Location fand. Diesbezüglich und auch was das Booking angeht, gab es im letzten Jahr einen entscheidenden Schritt nach vorne: Man holte die Booker vom Melt!-Festival mit ins Boot und verlegte das Festival auf das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Und plötzlich lief es, der Stürmer traf, fast 10.000 Besucher kamen. Und doch lief wieder etwas schief: Kurz vor Festivalbeginn gab es eine Auflage vom Ordnungsamt. Wegen der umliegenden Wohngebiete mussten die eigentlich für draußen vorgesehenen Bühnen in die Hangars gestellt werden. Groß genug sind die Hallen ja. Doch leider sind sie auch aus Metall. Die Soundtechniker konnten auf die Beschallung von überdimensionalen Blechbüchsen nicht mehr rechtzeitig reagieren. Auftritte wie der von Dendemann sind inzwischen aufgrund des unterirdischen Klangs schon fast legendär.

Ein Festival der Fehl-Organisationen

Dieses Jahr wollte man nun endlich alle Fehler aus der Vergangenheit bereinigen und das Festival fing auch wirklich gut an. Der Einlass ging trotz langer Schlangen schnell voran, der Zentralflughafen, wie in großen Buchstaben über dem Eingang stand, empfing seine Gäste.

Doch die Veranstalter machten einen großen Fehler, der vermeidbar war. Die Hauptbühne mit einer Kapazität von mindestens 10.000 Fans, wurde am Freitag nach dem Konzert der Editors um 0:30 Uhr komplett geschlossen. Wie schon im letzten Jahr, waren Lärmschutz-Auflagen der Grund. Doch damit mussten sich die Fans, die bis dahin vor der Hauptbühne gestanden hatten, neu auf dem Gelände verteilen. Die rund 10.000 begannen sich neues Getränke zu holen, Essen zu gehen und langsam darüber nachzudenken, was man sich als nächsten anschauen wollte. Fever Ray und Junip spielten gleichzeitig auf den verbliebenen Bühnen, bei Fever Ray wurde schon niemand mehr reingelassen. Als dann Atari Teenage Riot nach Fever Ray spielen sollten, die auf erheblich weniger Gegenliebe der Fans stießen, kam es vor der anderen Bühne, wo Caribou spielen sollten, schon zu den ersten gefährlichen Szenen: Tausende drängten sich an den Schleusen und gegen die Bauzäune daneben. Die Schleusen wurden geschlossen, die Unzufriedenheit bei den Fans stieg. Als sich dann eine gute Stunde später noch an der anderen Bühne noch mehr Zuschauer drängten und einige begannen, an den Zäunen zu rütteln, um auf keinen Fall 2manydjs und Fatboy Slim zu verpassen, geriet die Situation so außer Kontrolle, dass die Konzerte abgesagt wurden.

Nachmittag statt Nacht

Prinzipiell war das eine konsequente und was die Sicherheit der Massen anging auch richtige Maßnahme der Veranstalter und Sicherheitskräfte. Aber wäre das nicht im Vorhinein vermeidbar gewesen? Wenn es die Auflage gibt, die Hauptbühne nur bis 23:00 Uhr zu beschallen (ebendiese Auflage hatte der Berliner Senat erteilt), darf der Veranstalter das Festival nicht bis 6:00 Uhr morgens planen. Und wenn doch, dann darf er nur so viele Karten verkaufen, wie die Kapazität ab 23:00 Uhr, also ohne Hauptbühne, ist und nicht vor 23:00 Uhr. 20.000 Karten zu verkaufen war vor diesem Hintergrund fatal.

Oder das Festival hätte vom Zeitplan gleich anders geplant werden müssen, nämlich als Nachmittags-Festival und nicht als Nachts-Festival. Der Samstag hat ja gezeigt, wie ungefähr der Ablauf hätte aussehen können, mit den Hauptacts zwischen 20 und 23 Uhr und den anderen Bands ab spätestens 14 Uhr. Allerdings dürfte den Veranstaltern klar gewesen sein, dass sie bei so einem Ablauf erheblich weniger Karten verkauft hätten – und man wollte schließlich ausverkaufen.

Was die Organisation anging, war das Berlin Festival also ein Reinfall. Statt die Scheiße endlich vom Schuh zu bekommen, ist man noch mal voll reingetreten. Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob das Berlin Festival nächstes Jahr wieder stattfinden wird.

Musikalisch: Top!

Aber – soviel Fairness sollte sein – das Line-Up war toll. Und deshalb gab es auch einige musikalische Highlights, vor allem am Freitag, bevor die oben geschilderten Probleme die Laune trübten. Robyn war ein solches Highlight, die Schwedin hat am Freitag den zweiten Teil ihres dreigliedrigen Albums veröffentlicht und tanzte ausgelassen eine Stunde im weißen Einteiler vor – viele Tausend tanzten mit. Ebenfalls grandios waren natürlich LCD Soundsystem, eine Bank was Live-Auftritte angeht. Optisch besonders war die düstere Lasershow von Fever Ray, auch wenn zu dieser späten Stunde viele Besucher bei der doch eher ruhigen Musik sichtlich müde wurden. Egal, denn auf der anderen Seite des Festivals gaben Caribou noch einmal alles, um die Müdigkeit auszutreiben, der beste Auftritt des Freitags.

Der wurde dann auch am Samstag erst mit dem absoluten Hauptact Hot Chip überboten, vor mehr als 12.000 Zuschauern bewiesen die Briten ihre Qualitäten als Stadionrocker. Wahnsinn! Der Tag bis zum Hot Chip Auftritt war allerdings allein deshalb enttäuschend, weil irgendwann wirklich kein Mensch (auch nicht die herumlaufenden Festival-Angestellten) wusste, wer, wann, wo spielte. Es gab zwar provisorisch entworfene neue Timetables, aber die stimmten nicht besonders lang. So kam es zur kuriosen Situation, dass ein komplett voller Hangar die Berliner Band Sizarr für die Londoner Band We Have Band hielt. Als der Gitarrist in bestem Deutsch erklärte, sie würden sich freuen vor so einer vollen Halle zu spielen und „vielen Dank für den Applaus. Wir sind Sizarr!“, sagte, staunte die Masse nicht schlecht. Etwa ein Drittel zog folgerichtig ab, der Rest blieb und gestattete Sizarr den wohl bisher größten Auftritt ihrer Bandgeschichte. Bitteschön dafür!

Ein weiterer Auftritt, der die Massen entzweite, fand um 17:30 Uhr auf Hauptbühne statt: Die englische New Wave-Legenden Gang Of Four gaben sich die Ehre, sprangen im hohen Alter wie junge Wildschweine („Rehe“ ist hier wirklich nicht passend) über die Bühne und zerschlugen eine Mikrowelle. Die Sonne schien, eine Sternenklare Nacht stand bevor und die Gang of Four haute Mikrowellen kaputt. Für einen Moment, ganz kurz, schien das Festival perfekt. (AS)

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