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Team Ungarn: Ganz unten

Montag, 18. Mai 2009

Am Samstag übernachten wir in Szeged bei Runar, einem norwegischen Medizinstudenten. Zusammen mit drei Erasmusstudentinnen wohnt er am Stadtrand in einer Wohnung, deren fünf Zimmer über zwei Stockwerke und 200 Quadratmeter verteilt sind. Runar ist seit vier Jahren in der Stadt, studiert auf Englisch und kommt deshalb nur selten mit Einheimischen in Kontakt. Trotzdem spricht er passabel Ungarisch und ist von der Roma-Minderheit fasziniert. Am Sonntag zeigt er uns das Roma-Viertel am Stadtrand.

Attila, der Roma-Einsiedler
Roma-Viertel in Szeged
Norweger übersetzt vom Ungarischen ins Englische
Attilas Bude am alten Bahnhof

Das ‚Roma-Ghetto’ sind etwa zwanzig Einfamilienhäuser in zwei Straßenzügen. Die Dächer sind mit Wellblech geflickt, in den Fenstern fehlen Scheiben, im Garten häuft sich der Müll. Die Bewohner sitzen dazwischen auf Autoreifen und Sperrmüll-Möbeln und beobachten uns misstrauisch. Sie sind dunkelhäutiger als unsere bisherigen ungarischen Bekanntschaften, haben ausschließlich schwarze Haare und etwas rundlichere Gesichtszüge.

Auf der Straße treffen wir einen Roma-Mann in hochgekrempelter Jeans und schwarzem Feinripp-Unterhemd. Attila heißt er, ist 42 Jahre alt. Sein dürrer Körper und die kurzen grauen Haare lassen ihn zwanzig Jahre älter erscheinen. Die Arme sind von Messerschnitten und schlecht gestochenen Tattoos übersät, und man riecht, dass er am frühen Nachmittag schon einiges getrunken hat. Aufgebracht führt er uns in das Nachbarschaftszentrum.

Leben mit 100 Euro im Monat

Das Zentrum ist eine ehemalige Lagerhalle, die mit EU-Geldern umgebaut wurde.
„Vor fünf Jahren gab es noch Strom und Wasser und am Wochenende wurden Zigeuner-Diskos gefeiert,“ erzählt er Runar in gefärbtem Ungarisch. Jetzt türmen sich in einer Kammer die Weinflaschen, in der großen Halle steht etwas verloren eine Bühne mit dem Sternenbanner der EU. „Eigentlich fließt noch immer Geld, aber wer weiß wo das landet?!“ In dem Gebäude wohnen jetzt drei Familien.

Wir setzen uns in den Hof und fragen Attila zu seinem Leben aus: Seit 30 Jahren lebt er in Szeged, besuchte zehn Jahre lang eine Schule, musste dann aber abbrechen. Seit mehreren Jahren sei er zu krank um zu arbeiten. Vom Staat bekommt er monatlich 100 Euro. Das reiche nicht zum Leben, aber in der Nachbarschaft helfe man sich gegenseitig.

Fremde Welten, vertraute Sprache

„Und Familie?“ Ein Wortschwall, dann dreht Attila sich zur Seite, ist den Tränen nahe.

„Seine Frau ist weg, ich habe nicht verstanden wohin,“ übersetzt Runar. „Das Jugendamt hat ihm seine dreizehnjährige Tochter weg genommen.“ Attila nimmt einen Schluck aus seiner Billigwein-Flasche und dreht sich eine Zigarette. Wir schwenken auf harmlosere Themen um und bitten ihn, etwas in der Roma-Sprache zu sagen.

„Mai hu Attila,“ sagt er langsam. Die Âhnlichkeit mit indischen Sprachen ist unüberhörbar. „Mai hu Lalon,“ stellt sich Lalon auf Hindi vor. Attila klatscht in die Hände, ist wieder fröhlich. Jetzt müssen Wörter verglichen werden: Feuer, Wasser, Mensch. Auch einige Farben hören sich ähnlich an. Zu einem Gespräch reicht es nicht, denn Attila kann nur Bruchstücke der Roma-Sprache.

„Er sagt, ‚Ich bin heute reich, weil ich dich getroffen habe’“ übersetzt Runar. „Und: ‚Schade, dass ich meine Sprache nicht besser kann, sonst könnten wir uns richtig unterhalten.’“

Einsiedler am Stadtrand

Der Wein ist inzwischen halb leer, Attila raucht noch eine Zigarette und führt uns dann zu seiner Wohnung. Außerhalb der Stadt, an einem stillgelegtem Bahnhof, wohnt er in einem Signalhäuschen. Vor dem Eingang liegen leere Flaschen, auf dem Fußboden eine halb gegessene Mahlzeit, in der Ecke mehrere ungarische Bücher. „Ich lese nicht mehr so viel wie früher,“ sagt Attila. „Alkoholproblem, Zigarettenproblem – mein Gehirn ist leer.“

Ob er gerne hier lebe? „Hier habe ich meine Ruhe und störe niemanden. Aber, das hier ist kein Leben. Ich brauche 10.000 Euro, dann könnte ich mir eine billige Wohnung kaufen. Vielleicht würde ich meine Tochter wieder bekommen.“ Wir sitzen noch eine Weile bei Attila. Er fängt an zu lallen, redet Ungarisch und seinen Roma-Dialekt wirr durcheinander und kommt Constanze unangenehm nahe.

Als es draußen dunkel wird, verabschieden wir uns. Wieder ist Attila den Tränen nahe. Wir versprechen Fotos zu schicken und laufen schweigend zu Runars Studenten-WG zurück, die monatlich 800 Euro Warmmiete kostet.