Team Ungarn: Europabürger aus der Kleinstadt
Bisher war Eger nur eine Richtung für uns – um Autofahrer zu finden, die uns nach Osten mitnehmen. Nach drei Tagen auf dem Land macht die Stadt auf uns einen künstlichen, kulissenhaften Eindruck: Die Hauswände sind makellos gestrichen und die barocken Fassaden perfekt restauriert, die Straßen sind breit und sauber, die Schilder zweisprachig auf Ungarisch und Deutsch. Die 800 Jahre alten Burgmauern thronen über der Innenstadt und erinnern an glorreichere Zeiten. Endlich angekommen wissen wir nicht, wie wir ungezwungen mit den Menschen Kontakt aufnehmen sollen, ohne dauernd an Touristen zu geraten oder selbst als solche zu wirken.

Wir schlendern am Rathaus vorbei, am Eingangstor hängt die blaue EU-Flagge. Ein Pfeil zeigt zum städtischen EU-Informationsbüro. Eine junge, zierliche Frau mit schulterlangen braunen Haaren macht uns auf. Mit verschränkten Armen und leicht gekrümmten Rücken steht sie vor uns und guckt etwas erstaunt, als wir erklären, wer wir sind. Dann bittet sie uns in leisem, zögerndem, aber fehlerfreiem Englisch in ihr Büro.
„In Eger gibt es einfach keinen lokalen Wahlkampf für die Europawahlen,“ erklärt sie uns. „Wenn es Kandidaten gibt, die aus Eger stammen, sind sie wahrscheinlich in Budapest oder in Brüssel.“ Sie bietet uns Tee an und fragt schüchtern, was uns nach Eger verschlagen hat. Wir stellen das Tramp-Projekt vor und erzählen von den Ereignissen der letzten Tage: von Lászlo, dem EU-Idealisten, von Gabi und Lara aus der Plattenbausiedlung, von Gabor dem Dorfnazi.
Pizza in einer Yuppie-Wohnung
„Und habt ihr für heute einen Platz zum Schlafen?“
„Noch nicht, aber wir finden bestimmt einen, müssen nur aus der Stadt raus.“
„Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne bei uns bleiben...“
Tünde Rázsi heißt unsere Gastgeberin, ist Ende Zwanzig und wohnt mit ihrem Mann in einer Vorstadtsiedlung Egers. Die Wohnung ist in hellen Gelbtönen gestrichen und hat eine angenehm lebendige Ausstrahlung. An den Wänden hängen impressionistische Gemälde und Kunstfotos, im Wohnzimmer liegt eine Gitarre, im Bücherregal steht das Gesamtwerk Tolkiens, teilweise auf Englisch. Gitarre und Herr-der-Ringe-Bücher gehören Tünde’s Mann, Botond, der Direktor einer Gesamtschule am Rande der Stadt ist und jetzt in der Küche für uns Pizza backt. Durch eine Glaswand beobachten wir ihn gespannt und unterhalten uns mit Tünde.
Europa für die Oberschicht
„Früher hatten wir mehr zu tun,“ erzählt sie über ihre Arbeit. „Da war die EU neu und Menschen wollten Informationen, heute fragen sie nicht mehr – sie haben sich daran gewöhnt.“ Ihre Arbeit besteht vor allem daraus, Konferenzen zu organisieren, mal über Jugendarbeit, mal über Bildung. Aber so wirklich zufrieden ist sie nicht.
„Wir arbeiten oft mit unserer Partnerstadt in Österreich zusammen, aber das funktioniert nicht,“ erklärt sie. „Die Politiker aus Ungarn fahren da hin und wollen Urlaub machen, dabei sollen sie ja eigentlich auf den Konferenzen arbeiten. So kommt nichts Nützliches dabei rum.“ Überhaupt habe die EU nur der Oberschicht etwas gebracht – jenen Menschen, denen es schon vorher gut ging und jetzt noch besser geht. Ihr und Botond beispielsweise.
„Ein Gefühl der Freiheit“
Dann ist die Pizza fertig und wir setzen uns an den Esstisch. Es gibt griechischen Tzaziki, italienische Antipasti und Pizza. „Typisch ungarisch“, witzelt Botond. Der 35-Jährige überragt seine Frau um anderthalb Köpfe. Seinem Bauch sieht man an, dass er gerne kocht und isst. Trotzdem wirkt er sportlich, entspannt und nach dem langen Arbeitstag immer noch gut gelaunt. Er spricht besser Englisch als Tünde und dominiert das Gespräch beim Abendessen.
„Als ich achtzehn war, kurz nach der Wende, sind wir auch durch Europa getrampt“, erzählt er und vergisst dabei, seiner Frau Wein einzuschenken. „Allerdings nur Westeuropa. 32 Autos, ich erinnere mich an jeden einzelnen Fahrer. Damals hatte ich das Gefühl, in der EU herrscht so viel Freiheit – dieses Gefühl habe ich jetzt auch in Ungarn.“ Tünde hält ihm vorwurfsvoll ihr Weinglas hin, er entschuldigt sich charmant und gießt ihr ein.
Plausch mit Palinka
„Ich bin so stolz auf Tünde“, lacht er. „Normalerweise bin ich es, der spontan Gäste anschleppt. Heute war sie es.“ Nach dem Essen unterhalten wir uns noch über Couchsurfing, französische Vorurteile über Ungarn und dürfen uns aus Botonds stattlich ausgestatteter Bar eine Flasche aussuchen: selbstgemachten Palinka-Schnaps. Frisch geduscht dürfen wir auf der Ausziehcouch im Wohnzimmer schlafen.
Der nächste Tag beginnt früh: Tünde muss um halb Acht im Büro sein und Botond zu einer Konferenz nach Budapest fahren. Wir werden am südlichen Stadtrand abgesetzt und fahren mit einem Geschäftsmann Richtung Autobahn weiter.



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