Team Ungarn: Ausgegrenzt und abgestempelt
Nach zwei Tagen in Szeged trampen wir an die EU-Außengrenze. In den Dörfern an der serbischen Grenze gibt es heute noch eine ungarischesprechende Minderheit. Wir wollen heraus finden, wie es ist, wenn man ein Visum braucht, um die Verwandten in Ungarn zu besuchen, landen aber im Abstellraum einer Pizzeria.

Wir laufen als Einzige zu Fuß über die Grenze nach Serbien, in sengender Hitze und vorbei an weiten Feldern, die bis an den Horizont reichen. Im Niemandsland sammelt uns eine junge Frau ein. „Welchen Reisepass brauche ich denn heute?”, murmelt sie am serbischen Grenzposten und kramt in ihrer Handtasche. „Ich habe einen serbischen und einen kroatischen Pass. Mit dem kann ich auch ohne Visa in die EU”, erzählt sie stolz.
Auf dem Ortschild des Grenzdorfs Kelebija steht der Name gleich drei Mal: auf Serbisch, Kroatisch und Ungarisch. Wir klingeln an mehreren Haustüren, es ist inzwischen dunkel geworden. Ein ungarischschimpfender Mann jagt uns vom Grundstück, als wir dreist um einen Schlafplatz bitten. Aber in einer Pizzeria brennt noch Licht, zwei junge Leute in weißen T-Shirts sitzen über die Tagesabrechnung gebeugt.
"Hier fahren alle nur durch"
Restaurantchef Igor hat sofort eine Idee für uns. „Ihr könnt bei einem Kumpel von mir pennen. Aber ihr müsst sagen, dass ihr mich aus Dubrovnik kennt, sonst gibt's Probleme.” Etwas verunsichert setzen wir uns auf die weißen Plastikmöbel. Am Nachbartisch sitzen Jugendliche aus dem Ort und trinken Bier. „Alles Kundschaft aus Kelebija, sonst fahren die Autos hier nur durch. Von der Grenze profitieren wir kaum.”
Igor ist schmal und sportlich, raucht eine Zigarette nach der anderen und hat an den Schläfen schon ein paar graue Haare. Vor drei Monaten hat er die Pizzeria eröffnet. „Wir machen das gemeinsam”, sagt er über seine Kollegin Lidija, „aber mir gehört der Laden und Lidija tut, was ich sage.”
Pizzabäcker, aber nie in Italien gewesen
Igor verschwindet in der Küche und Lidija erzählt uns von ihrer ungarischen Großmutter. „Voll nervig. Um unsere Verwandten in Kecskemét zu besuchen, müssen wir jedes Mal für die Visa nach Belgrad fahren.” Die 22-Jährige spricht fließend Ungarisch, fühlt sich aber als Serbin. Beladen mit zwei Pizzen für uns kommt Igor wieder an den Tisch. „Ich würde gerne mal nach Italien, um richtigen Pizzabäckern über die Schulter zu schauen. Aber ohne Schmiergeld dauert das Monate mit dem Visum.”
Igor telefoniert mit seinem Handy, dann erzählt er uns von Plan B: ein anderer Kumpel vermietet Gästezimmer. „Ich zahle für euch.” Die Idee missfällt uns noch mehr als Plan A, aber Igor lässt uns nicht zu Wort kommen. „Gibt es in Deutschland auch Schwule?”, fragt er abwertend, „in Subotica sind 150 registriert.”
Träumen vom Reisen ohne Visum
Gemeinsam mit Lidija lässt er die Rollläden herunter, fährt sie dann nach Hause zu ihrem Elternhaus. Zurück kommt er mit zwei großen Plastikflaschen Bier. Gegen zwei Uhr morgens hat er einen Plan C für uns gefunden. Wir dürfen unsere Schlafsäcke im Abstellraum der Pizzeria ausrollen.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns von Igor. „Ich besorge mir einen kroatischen Resiepass, dann kann ich auch so reisen wie ihr.” Wir laufen die zwei Kilometer zur Grenze. Ein serbischer Grenzer winkt uns in eine Ecke, in unseren Pässen fehlen die Einreisestempel. Nach 15 Minuten haben der Beamte und zwei Kollegen eine kreative Lösung gefunden: in Constanzes Pass kommen zwei Stempel, einer für die Einreise, einer für die Ausreise. Lalons Pass bleibt leer. Ein junger, ungarischer Zollbeamter durchsucht unsere Rucksäcke auf Alkohol, Zigaretten und Drogen. Dann sind wir wieder drin in der EU, ganz ohne Visa.



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