Team Ungarn: Augenblicke an der Theiß
„Ich habe euch in die Augen gesehen und musste anhalten.“ Wir stehen an einer Trampstelle, die ungeeigneter nicht sein kann: an einer Schnellstraße, Constanzes Daumen hinter einer Leitplanke in einer Kurve versteckt und dazu noch Berufsverkehr. Doch Robert Gyüryák bremst für uns und entführt in eine Welt aus Erdbeeren, Weihnachtsbäumen und magischen Augenblicken.

„An euren Augen habe ich gesehen, dass ihr gute Menschen seid und dass ich euch mitnehmen kann.“, erklärt uns Robert und fixiert uns mit seinen hellblauen Augen. Der 35-Jährigte trägt kurze Hosen, Flip-Flops und ein gestreiftes T-Shirt. „Ihr seid Abenteurer, so wie ich letztes Jahr. Da bin ich zwei Monate lang durch Südafrika gewandert, auf der Suche zu mir selbst.“ Am Straßenrand haelt er an und kauft Erdbeeren bei einer Gemüsefrau. Wir sind bestechlich und fragen, ob wir bei seiner Familie in Rákóczifalva übernachten können.
„Großer Meister: Christus - kleiner Meister: Joda-Meister"
Seine Eltern sind bei Eger wandern und so zeigt uns Robert erst einmal den Hof. Hinter dem mit Efeu bewachsenen Wohnhaus stehen Hunderte kleine Tannen. „Die Leute aus dem Dorf kommen zu uns und suchen sich jetzt schon ihren Baum für Weihnachten aus“. Seine Augen leuchten, er atmet die warme Abendluft ein und streichelt zärtlich über die noch weichen Nadeln. „Schade, dass die Bäume nicht ewig weiterwachsen können.“
Robert ist Malermeister, aber dieser Beruf mag nicht richtig zu diesem sensiblen Mann passen. In seiner Freizeit malt er Landschaftbilder und Stilleben, er schreibt Naturgedichte und lebt eine ungewöhnliche Mischung von Christentum, fernöstlicher Spiritualität und Jedi-Rittern. „Großer Meister: Christus,“ sagt er und zeigt an die Decke, „kleiner Meister: Joda-Meister.“
Selbstgemachter Letscho und zu viel Wein
Wenig später trudeln seine Eltern ein. Seine Mutter Ibolya, eine kleine, rundliche Frau mit gutmütigen Augen, zeigt uns ihren selbstgemachten Letscho und schlägt Eier in eine Pfanne. Dazu tischt Roberts Vater István Egerer Rot- und Weißwein auf. Die Gläser sind klein, doch Istvan füllt sie so schnell nach, dass wir es kaum bemerken.
Robert spricht wenig Englisch, übersetzt aber geduldig alles, was uns sein quirliger Vater erzählt. „Wir sind zufrieden“, sagt dieser. Er arbeitet als Mechaniker, seine Frau als Putzfrau. Die Weihnachtsbäume sind ein Zuverdienst. Ibolya beschwert sich, dass seit dem EU-Beitritt die Preise gestiegen sind, selbst auf dem Bauernmarkt. Ansonsten werden die Gyüryáks kaum von Europa berührt. Zu den Europawahlen am 7. Juni wollen alle die rechts-populistische Fideß-Partei wählen. Das sei die einzige Chance auf Veränderung, denn die sozialisitsche Regierung sei faul und korrupt.
Am nächsten Morgen frühstücken wir ohne Istvan, der am Abend zuvor noch im gestreiften Pyjama durchs Haus getaumelt ist. Für jedes Glas, das wir getrunken haben, hatte er sich zwei Mal eingeschenkt.
Naturgedichte aus der Baumkrone
Robert nimmt uns mit an die Theiß, an seinen Lieblingsplatz. Am Ufer steht eine alte Sommerweide, deren Pollen uns in Haaren und Kleidung kleben bleibt. Wir klettern zusammen bis in die Krone. Hier im Geäst schreibt Robert seine Gedichte. „Wildrosen“ und „Leichte Flüsse“ heißen diese. Obwohl wir nichts vom Inhalt verstehen, klingen sie in unseren Ohren nach.
Zum Abschied kauft uns Robert wieder Erdbeeren und fährt uns bis in den nächsten Ort. Ein letzter, tiefer Blick in die Augen, ein paar nette Worte, dann braust er mit seinem Jeep zurück.



Beitrag empfehlen / kommentieren

