Team Bulgarien: Politiker im Rausch – Gastgeber auf Entzug
Am 17. Mai könnte der Szenenwechsel nicht größer sein. Nachdem wir zwei Tage lang Dorflehrer, -förster und -jugendliche bei ihrem Tun in dem muslimischen Bergdorf Sveta Petka begleitet haben, blicken wir nun durch wehende Fahnen hindurch auf eine große Bühne. In ganz Bulgarien beginnt heute der EU-Wahlkampf. Und der Newcomer GERB, eine Mitte-Rechts-Partei mit dem Namen "Bürger für die europäische Entwicklung Bulgariens", hat für sein Auftaktspektakel die Stadt Plovdiv am Fuß der Rhodopen ausgewählt.

Der Platz vor der Hauptpost ist pickepacke-voll. Wir schauen uns um: Arbeiter mit großen Transparenten, überall weiße T-Shirts und Schirmmützen mit bekennendem „GERB“-Aufdruck in kyrillischen Zeichen, dazwischen eine mit dem blauen Deutschlandfunk-Schriftzug. Ich spreche den Rentner an, er versteht kein Deutsch. Wir bemerken auffällig viel junges Volk, in den Zwanzigern, mit blau-weißen GERB-Fähnchen. Ein Student, der extra aus Sofia angereist ist, stellt sich als Anton vor. Er erhoffe sich von GERB, die im Europäischen Parlament zur Fraktion der Europäischen Volkspartei gehört, einen grundsätzlichen Wandel in der Politik.
Obama in Plovdiv
Wir vermissen Currywurst-Buden und Gulaschkanonen. Der Magen knurrt. Stattdessen werden Wasserflaschen in rauen Mengen unters Volk gebracht. Der Geist ist also klar und will mit anderen Eindrücken eingenommen werden. Dafür sorgt ein ausgefeiltes Bühnenprogramm. Zu Beginn lässt eine langhaarige Schönheit die Europahymne in bulgarischer und deutscher Sprache erklingen. Einige Besucher singen fröhlich mit, als anschließend ein Gitarrist auftritt. Zwischendrin „Yes, we can“-Geklingel: Durch das Publikum schwappen Rufe, die sinngemäß lauten „Bulgarien kann es schaffen!“ Von einer großen Leinwand aus präsentieren die 17 Kandidaten von GERB sich und ihre Botschaft dem Publikum. Die kurzen Filmspots vermitteln Dynamik und Jugendlichkeit, wirken in ihrer Professionalität aber austauschbar. Zugegeben, die Inhalte können wir nicht bewerten. Aber der Mangel an Sprachkenntnissen schärft unsere Wahrnehmung für die durchgestylte Inszenierung.
Messias auf einem Bein
Das alles ist nur Vorgeplänkel zum eigentlichen Höhepunkt: Ein braun gebrannter Mann von stattlicher Statur betritt lässig auf die Bühne, humpelnd. Es ist Boyko Borissov, Bürgermeister von Sofia und Anwärter auf das demnächst neu zu besetzende Amt des Ministerpräsidenten von Bulgarien. Ausgerechnet zum Wahlkampfauftakt hat er sich den Fuß verstaucht. Nun will er die gegnerischen Parteien „auf einem Bein schlagen“, wie uns einer der GERB-Kandidaten erzählt. Fast jeder, dem wir in diesen zwei Wochen begegnen, nennt ihn einfach „Boyko“, teils kumpelhaft, teils mit ironischer Distanz. Nach der politischen Wende in Bulgarien war er persönlicher Leibwächter des kommunistischen Ex-Diktators Todor Schivkov und später des ehemaligen Zaren Simeon II. Unter dessen Regierung stieg Borissov zum Staatssekretär im Innenministerium auf und damit zum höchsten Polizisten in Bulgarien. Ihm wird nachgesagt, er sei noch heute bestens mit Geheimdienstlern und zwielichtigen Größen in Politik und Wirtschaft vernetzt. Doch das Schlägerimage kommt Borissov auch zugute. Er präsentiert sich volksnah; als Macher, der weiß, wie die einfachen Leute reden und welche Sorgen sie umtreiben. Seine Kampfansage an die das gesamte Land durchdringende Korruption – von Kleinstbeträgen in der Verkehrskontrolle bis zu Millionensummen bei Bauvorhaben – wird von den einen als Populismus abgetan und lässt ihn für andere als Messias erscheinen.
Erfolgreich im Vakuum
Für uns bleibt Borissov eine spannende Figur, die wir noch nicht abschließend einordnen können. Auch ein persönliches Gespräch hätte vermutlich keine neuen Erkenntnisse gebracht. Uns wird erzählt, er spreche kein Englisch. Stattdessen führen wir nach dem Bühnenfinale ein Interview mit dem Kandidaten Andrej Kovatchev, der mehrere Fremdsprachen beherrscht und sich uns als Europäer aus Überzeugung vorstellt. Wer die Zielgruppe dieser Wahlkampagne sei, interessiert uns. Wie vermutet, will GERB junge Wähler mobilisieren, eine weitgehend apolitische Bevölkerungsgruppe in Bulgarien. Und: Der zu den Kommunalwahlen im Herbst 2007 verbuchte Erfolg dieser noch jungen Partei sei „ein Aufschrei der Enttäuschten“ gewesen, die sich nach dem Systemwechsel 1989 nicht repräsentiert fühlten. Kovatchev spricht von einem Vakuum, in das die Bürgerinitiative von Borissov, ab Anfang 2007 dann als Partei agierend, gestoßen sei. Wir nehmen uns vor, das Phänomen des Newcomers weiter im Auge zu behalten. Kovatchev verabschiedet sich mit einem kräftigen Händedruck und greift zum Handy. Seine Mutter hatte unterdessen schon mehrmals versucht, ihn anzurufen.
Ein Blick in den Abendhimmel erinnert uns daran, dass wir noch keine Bleibe haben. Vereinzelt schweben Helium-gefüllte Ballons in den bulgarischen Nationalfarben Grün, Weiß, Rot über den Häusern – sie waren zum Finale als Flagge aufgestiegen.
Thielko fallen vor Müdigkeit die Augen zu. Kurz vorher kommt er noch auf einer Parkbank zum Liegen. Rücklings und telefonisch vermelden wir dem Orga-Team in Leipzig unseren Status: „gesund, aber obdachlos“.
Den Tag zur Nacht gemacht
Ein junger Mann kommt vorbeigeschlendert und ruft uns etwas zu. Wir kommen ins Gespräch, in unserer Muttersprache. Vasko ist Anfang Zwanzig, hat schon in vielen Städten gelebt, fühlt sich nirgends richtig zu Hause. Aus Mitleid – und wohl auch ein bisschen aus Langeweile – lädt uns Vasko ein, in seiner Wohnung zu übernachten. Wir können es nicht fassen und zuckeln hinter ihm her. Die Wohnung befindet sich – umzugsbedingt – in Auflösung, aber wir finden dort alles, was wir brauchen: Ein Bett für mich, ein Stück Boden für Thielko (ganz Gentleman), Internet und eine Steckdose für unseren Laptop. Die Nacht wird arbeitsam. Vasko ist mit Freunden unterwegs. Als wir uns morgens aus dem Schlafsack schälen, sitzt er (Schon? Noch immer?) rauchend am Computer. Hip-Hop tönt aus den Lautsprechern. Geschlafen hat er nicht. Ob es eine Verbindung zwischen ihm und unserem geheimnisvollen Autofahrer nach Sofia zu Beginn der Reise gibt? Plovdiv scheint ein Hort der Ruhelosen.
Bar-Tourismus
Gastfreundlich versorgt er uns mit Banitschka und mit, für Bulgarien üblich, Kaffee aus einem Straßenautomaten, schaut uns erwartungsvoll an: Sightseeing sei absolut öde ... bestimmt dirigiert er uns in einen Billardclub. „Wir werden Spaß haben!“ Ich schlucke – römisches Amphitheater adé! Vasko schlägt uns mühelos vier zu Null. Ich nehme mir vor, in Leipzig öfter den Queue zu schwingen. Als wir 13 Uhr den Club verlassen und ins Tageslicht treten, zündet er sich gerade eine Zigarette an. Eine Bardame mit Glitzer-Bolero räkelt sich wie ein Kätzchen und schiebt ihm eine weitere Cola über die Theke. Wir machen uns auf den Weg in die Rosenstadt Kazanlak.



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