Team Bulgarien: Im Schwarzen Meer versenkt
Wir sind am Ende, fast jedenfalls. Aber immerhin das letzte große Ziel ist erreicht. Wir haben unsere Zehen ins Schwarze Meer getunkt. Und nicht nur sie. Aber das alles mit einem nicht ganz reinen Gewissen, denn im Gegenzug musste eine Reportage dran glauben. Aber doch vielleicht nicht so ganz.

Varna – die drittgrößte, manche sagen: die zweitgrößte Stadt Bulgariens. Ungefähr so groß wie Leipzig, nur eben mit Zugang zum Schwarzen Meer, herrlich. Vom Balkon von Dessy und Stefan, die uns aufnehmen, haben wir im achten Stock einen Blick über die Bucht – die Sonne strahlt von oben herab, es sind etwa 25 Grad, das Wasser hat schon mehr als 20. Aber wir sitzen erstmal drinnen, noch ohne Sonnenöl auf der Haut. Schreiben und schneiden für die mephisto 97.6-Sendung am Freitag. Mittags geht’s dann doch noch raus, denn hier liegen die Geschichten auf und vor allem: neben den Straßen.
Hotelburgen nach iberischem Vorbild
Wer von Burgas weiter südlich gen Norden nach Varna fährt, kann die unglaublichen Investitionen in Hotels und Appartments besichtigen: Es sind tausende. Ein Dorf hier in der Nähe soll von britischen Geldgebern komplett gekauft worden sein. Die meisten Hotelburgen sehen furchtbar eintönig aus, für sie wurden weite Flächen zugepflastert. Hier scheint sich zu wiederholen, was in Portugal und Spanien schon geschehen ist: Eine Küste verbaut sich. Aber nun kommt die Krise, und Käufer, mit denen fest gerechnet wurde, bleiben weg. Manchen Investor drücken nun die Schulden, erzählt uns einer, der uns ein Stück mitnimmt. Er arbeitet Musiker in den Touristenhotels und gibt zu Protokoll: Manch einer, der sich hier finanziell verhoben hat, schießt sich nun eine Kugel in den Kopf.
Wir wollen über die Bausünden berichten, aber merken, dass uns die Zeit davon rennt. Ein Nachmittag reicht wohl kaum, Bauunternehmer, Arbeiter, Umweltaktivisten und vielleicht noch einen unbeteiligten Experten zu finden und informiert zu befragen. Wir versuchen es trotzdem, einen Anfang zu finden. Immerhin ist heute hier kein Feiertag: Denn während Deutschland zu Himmelfahrt frei bekommt, wartet das orthodoxe Bulgarien mit diesem Kirchenfest noch ein paar Wochen. Es ist also alles geöffnet, ein ganz normaler Tag. Der aber eben auch nur 24 Stunden hat.
Na gut, dann eben doch nicht
Wir finden immerhin eine Umweltaktivistin, führen ein Interview. Es wird 15 Uhr nachmittags. Wir sind hin- und hergerissen. Wenn wir so weitermachen, bekommen wir vielleicht noch eine Geschichte für's Radio auf die Reihe, würden aber keinen Fuß ans oder gar ins Schwarze Meer setzen. Die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Noch ein Blick auf die Uhr, einmal durchatmen. Und die Idee, den Beitrag über die „Overconstruction“, den Bauboom ohne rechtes Maß, zu produzieren, wird versenkt. Mit Bleigewichten an den Füßen, sozusagen, ganz tief im Schwarzen Meer. Das Team Bulgarien legt sich an den Strand, springt ins Wasser und ruht sich zwei Stunden lang aus. Fast wie Urlaub.
Die Interviewanfrage erreicht uns am Strand
Es wird 17 Uhr. Das Handy klingelt. Das Display zeigt eine bulgarische Nummer... „Dober den...?“ - Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Architekt. Der kämpft mit seinen Leuten von „Zelena Varna“, einer Umweltorganisation, gegen neue Bauprojekte. Es geht um den Stadtpark, direkt an der Küste. Er soll nach den Plänen aus dem Rathaus schon bald an Investoren verkauft werden. Es ist lukratives Land, echte Filetstücke, die jetzt noch in öffentlichem Besitz sind. Unser Gesprächspartner vermutet Korruption in der Stadtverwaltung. Gut, sagen wir, wir treffen uns an der Hauptpost und tauschen Badehose und Bikini noch schnell gegen halbwegs anständige Kleidung. Nur die Haare bekommen wir nicht mehr richtig gekämmt. Sie liegen kreuz und quer.
Dieses Detail stört wenig später niemanden. Der Architekt ist ein Surfer und Skateboarder - wenn er sich nicht gerade darüber aufregt, wie hier ein Stück Grüne Lunge vermutlich schon bald verhökert wird. Wir gehen mit ihm durch den Park, stehen auf einmal auf einer Anhöhe mit Blick auf den Strand. Dort unten, geht uns durch den Kopf, haben wir uns gerade noch gesonnt. Aber um genau diesen Strand könnte es bald geschehen sein, spricht uns der Architekt ins Mikro. Seine Mitbürger, schimpft er, würden nicht begreifen, was in Varna gespielt werde. Ein gutes Interview. Ein schwieriges Thema.
Langsam in Richtung Leipzig, aber nur langsam
Es ist der vorletzte vollständige Tag in Bulgarien. Freitagfrüh treffen wir noch rasch einen Kandidaten der Sozialisten, der ins Europaparlament möchte. Einen anderen Termin als auf den letzten Drücker haben wir nicht finden können. Danach reisen wir zurück nach Sofia. Abends treffen wir dort noch einen bulgarischen Kollegen vom Nationalen Radio. Er will uns befragen, wie wir Bulgarien erlebt haben. Rollentausch also. Samstagfrüh heben wir ab in Richtung Deutschland. Alle anderen Teams werden vor uns angekommen sein. Aber wir haben ja auch den weitesten Weg. Von hier aus, Varna nach Leipzig, sind es mehr als 2000 Kilometer. Und immer noch Europa.



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