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Team Bulgarien: Ein Rakija auf Allah - Kneipenabend in den Rhodopen

Freitag, 22. Mai 2009

Ein Bilderbuch-Zug auf schmalen Gleisen (der Rasende Roland von Rügen auf bulgarisch, allerdings eher für Arbeiter als für Touristen) hat uns Freitag (15. Mai 2009) in die Rhodopen hineingefahren, und hier sitzen wir nun. Im dem 2.000-Seelen-Dorf Sveta Petka auf 1.000 Meter Höhe.

Es ist schon Abend, und wir überlegen ernsthaft, ob das nun endlich eine Nacht im Wald werden sollte, denn ein Bett ist noch nicht in Sicht. Zwei Stunden später sitzen wir bei Bier und Rakija, einem wohlig wärmenden Schnaps, in einer urigen Kneipe mit Blick auf die Moschee. Ja, hier ragen keine Kirchtürme in die Landschaft, sondern Minarette. Die gibt es zwar überall im christlich-orthodox geprägten Bulgarien, aber in dieser Region bekennen sich so gut wie alle Einwohner zum Islam. Unser Führer durch Dorf, Wald und Kultur wird Belyo Mandradjiev. Der Mittdreißiger ist ein weitgereister Förster, gern auch zu Weiterbildungen in Deutschland. Er lädt uns ein, das Wochenende mit seiner Familie zu verbringen.

Liebe zu Heimat und Lesestoff

Den Moscheebesuch – der Ruf des alten Imams schallt fünf Mal täglich durch die kurvigen Straßen - überlässt Belyo den strengen Muslimen im Ort. Er zieht es vor, mit seinem besten Freund, dem Bibliothekar, über den Lauf der Welt zu philosophieren. Der alte Mann, der gar nicht so alt ist, wie er aussieht, erinnert mich an den geheimnisvollen Archivar in E.T.A Hoffmanns „Der goldene Topf“. Belyo und dieser streng-freundliche Mann arbeiten er an einer Dorf-Geschichte und sammeln dafür Dokumente, wo auch immer sie welche auftreiben können. Dem Bürgermeister hier scheinen Wissenschaft und Bücher weniger wichtig. „Er hat den größten Teil unserer Bibliothek unbrauchbar gemacht“, beschwert sich Belyo. Ihm wird das Herz schwer, wenn er an den ungeordneten Bücherhaufen in einem Zimmer irgendwo in Sveta Petka denkt. Warum der Bürgermeister die 8.000 Bücher unzugänglich gemacht hat, wird uns nicht klar.

Blaue Stunde

Thielko telefoniert viel an diesem Abend. Ich finde mich also mit einem guten Dutzend Männern in der „Alkohol-Kneipe“ wieder. Die „Saft- und Kaffee-Kneipe“, schließt früher. Vermutlich weil abends dann doch die eine oder andere Regel des Korans etwas leichter genommen wird. Es geht hoch her. Am Nebentisch sitzt ein Greis und singt ein Loblied auf seine zwei Kühe. Die würde er viel mehr lieben als seine Frau. Belyo und die anderen am Tisch, Jugendliche und der Bibliothekar, halten sich die Bäuche vor Lachen. Sie können die Schimpftiraden schon mitsprechen. Die Atmosphäre ist gemütlich. Das Englisch gebrochen. Aber mir bleibt immer noch Belyo, der in deutscher Sprache von Arbeitslosigkeit, illegalen Holzfällern und Kartoffelfeldern berichtet, mit deren Erträgen sich die Leute hier über Wasser halten. Ich spüre allmählich die Macht des Rakija. Nach schön warm kommt nämlich schön blau. Glücklich sinken wir in das weiche Bett, das uns Belyos Frau Aische bereitet hat. Auf dem Tisch stehen Schokolode, Nüsse und Getränke. In den kommenden zwei Tagen erleben wir eine Gastfreundschaft, die ihresgleichen sucht.