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Team Bulgarien: Das ungelöste Problem des Trampers

Freitag, 22. Mai 2009

Es ging nicht anders, glaube ich. Von allein kommen die beiden einfach nicht auf Politik zu sprechen. Ja, die Politik in Bulgarien, sie treibt uns um. Jeder schimpft über sie – wirklich jeder, mit dem wir sprachen. Vielleicht haben auch unsere Gastgeber in Kazanlak, der Rosenstadt, eine Meinung?

Für ein Frühstück ist immer Zeit.
Peter und Sylvia - unsere Gastgeber für zwei Nächte. Das Beste: Sie haben uns Fahrräder geliehen für die Wege in Kazanlak.

Was uns als Beobachter von außen besonders umtreibt, ist die noch ziemlich junge Partei GERB. Seit rund dreieinhalb Jahren gibt es sie, und nun hat ihr Spitzenkandidat Boyko Borisov sogar gute Chancen, bei den nächsten Wahlen Premierminister zu werden. Der Mann war früher Bodyguard des obersten Sozialisten Shivkov und sitzt heute auf dem Sessel des Sofioter Oberbürgermeisters. Ein Senkrechtstarter innerhalb kurzer Zeit. Hier geht etwas vor, was in Deutschland kaum denkbar wäre.

Wer ist dieser Senkrechtstarter?

Was unsere Gastgeber über GERB erzählen, ist vorrangig eine Auseinandersetzung mit dem Spitzenkandidaten und nicht mit seinem Programm. Was wir hören, klingt wie eine Mischung aus fast schon letzter Hoffnung, die in "Boyko", wie sie ihn nennen, gesetzt wird und traditionellem Misstrauen gegenüber der politischen Elite Bulgariens. Die Begründung dafür, dass Borisov trotz seiner zwielichten Vergangenheit heute als eine Lichtgestalt gilt, ist jene, die wir schon öfter auf dieser Reise gehört haben. Zu häufig sind Hoffnungen in der Vergangenheit von wechselnden Parlamentsmehrheiten erst nach allen Regeln der Kunst geweckt und später mit dem Holzhammer gebrochen worden. Das betreffe alle Parteien, die bis heute einmal regiert haben: Sozialisten, die Blauen und den ehemalige König. Das hören wir unisono, landauf, landab.

Zwei, die vor Energie sprühen

Abseits der Enttäuschung über die Politik haben wir hier in Kazanlak mit Peter und Sylvia ein Paar getroffen, das vor Energie im eigenen Leben nur so sprüht. Sie sind mit ihren 23 und 30 Jahren ein Beispiel für eine junge Generation, denen das sozialistische, alte Bulgarien fernliegt. Sie suchen die Chancen, die die neue Freiheit eröffnet. Sie stehen in unseren Augen für eine neue Generation junger Bulgaren – die sich auch vorstellen können, Borisov zu wählen, weil er etwas verspricht, was sie den alten Eliten längst nicht mehr glauben: einen erfolgreichen Kampf gegen Korruption zum Beispiel.

Peter und Sylvia sind spontan, redselig und kontaktfreudig, reisen selbst durch die Welt („Seit wir den EU-Pass haben, geht das viel leichter“), lassen regelmäßig Fremde in ihrer Plattenbauwohnung am Rande Kazanlaks übernachten, und vor allem haben sie Ideen. Peter etwa musste bis vor Kurzem immer in eine andere Stadt fahren, wenn mal etwas Chinesisches essen wollte. Ein Freund und er hatten die Idee: „Wir haben uns einen Koch gesucht und dann dieses Restaurant aufgemacht.“ Gesagt getan.

Ein halbes Jahr später sitzen wir in seinem lauschigen Freisitz und vernaschen zwei riesige Teller mit leckerstem gebratenen Hühnerfleisch, Reis und chinesischem Brot. Die Idee wurde tatsächlich wahr. Peter, 23 Jahre jung, wird an diesem Abend nicht allzu lange aufbleiben. Gleich morgen früh muss er wieder die Geschicke seines zweiten Unternehmens leiten: Er will künftig Bulgaren nach Deutschland für Jobs vermitteln. 15 haben durch ihn schon eine Stelle bekommen, mehr sollen folgen. Sie verdienen in Deutschland für bulgarische Durchschnittsverhältnisse gut – und müssen für bestimmte Tätigkeiten nach ihren Sprachkenntnissen ausgewählt werden. Das ist Peters Tagesablauf: morgens vermitteln, abends die Kasse im Restaurant abrechnen und schließen.

Die nächste große Aufgabe beginnt in drei Monaten: Seine Freundin Sylvia ist im sechsten Monat schwanger. Das Paar hat sich vor Kurzem eine eigene Wohnung, ein Muss für viele Bulgaren, gekauft. Dorthin zieht die kleine Familie in wenigen Wochen um.

Peter ist ein Macher. Sieht er Probleme, löst er sie. Sein Lächeln und seine lässige Art begleiten ihn während der zwei Tage ständig, die auch wir in seiner Nähe verbringen.

Das Problem des Trampers

Nur ein ganz praktisches Tramperproblem hat er noch nicht gelöst: Was anstellen mit benutzten, noch nassen und wenig später muffeligen Handtüchern, die nie so richtig trocknen können, weil sie immer irgendwie mit in den Rucksack müssen und nicht auf die Leine zum Trocknen können? „Habt ihr einen Trick?“ Nee, müssen wir zugeben, wir trocknen uns auf mit einem Mufftuch ab. Ganz kurz nur wird es still um Peter. Das Verharren währt nicht lange: Er trägt drei Handys in seiner kleinen schwarzen Handtasche mit sich herum. Eines davon klingelt immer. So auch jetzt.