Team Rumänien: Nur Schneewittchen haben wir nicht gesehen – Zwei Tage in Ighisu-Nou
Kurzfazit 16. bis 18. Mai: 230 Kilometer, 260 Lei, ½ Liter selbstgebrannter Ţuica de Prune und 1 ½ Liter selbstgekelterter, fruchtiger Rotwein als Geschenke unserer Gastgeber

“Schauen Sie, wie ‘mare, mare’ hier!”
Mioara und Florin Terba nehmen uns am Samstag mit übers Land von Sibiu nach Agnita. Wir kurven durch wellige, grüne Hügel, Schafherden grasen, kleine Bengel werden mit ihren Fahrrädern von der holprigen Strasse gehupt. Die Orte sind alle gleich angeordnet: Links und rechts der Hauptstrasse stehen lange, sich nach hinten erstreckende Bauernhäuser. Es schließen sich Äcker und Weiden an. Die Rumänen sind mutig beim Streichen ihrer Häuser, sie strahlen in grellem Grün und Feuerrot. Davor eine Holzbank, auf der reglose alte Frauen mit Kopftuch und deren Männer mit Stöcken sitzen.
“Nancy, hat das Eis vor 100 Metern nicht nur 2 Lei gekostet?”
In Sighişoara (Schäßburg), einer pittoresken, mittelalterlichen Stadt 100 Kilometer nördlich von Sibiu, soll Dracula alias Vlad Ţepeş geboren worden sein. Die Preise für ein Eis dienen als Indikator dafür, wie nah man sich am angeblichen Geburtshaus des grausamen Grafen befindet. Direkt vor der Haustür kostet die Kugel 8 Lei (= 2 Euro). Blutsauger machen mit dem Blutsauger an jeder Ecke Geschäfte.
“Wir müssen doch jetzt ein Schwein kaufen, damit es an Weihnachten 100 Kilo wiegt. Aber die Preise sind so gestiegen. Jetzt wollen sie schon 8 Lei für ein Kilo lebend Schwein.”
Stefan Wagner, 79, wurde in Ighişu-Nou geboren. Er ist Siebenbürger Sachse. Seine Vorfahren, die aus Süddeutschland und dem Rhein-Main-Gebiet stammten, wurden im 12. Jahrhundert vom ungarischen König nach Siebenbürgen geholt. Mit seiner Frau Regina hat er Jahrzehnte lang das Pfarrhaus bewirtschaftet. Die beiden kaufen Mehl, Margarine, Zucker und Öl in der Stadt, den Rest bauen und füttern sie selbst hinterm Hof an.
“Was soll ich denn machen? Ich habe halt ein zu grosses Herz und die Zigeuner ja nichts zu essen.”
Am Samstagnachmittag klappt die Tür von Regina Wagners Küche halbstündlich. Eine Roma-Mutter mit Kind (im Dorf werden Roma von allen Zigeuner genannt, laut dem orthodoxen Pope wollen sie hier so angesprochen werden) bekommt 10 Lei aus Frau Wagners Keksdose. Sie hat bei ihr schon 600 Lei Schulden. Vergangene Woche wollte sie 400 Lei zusätzlich, ihr Mann will davon nach Spanien zum Arbeiten fahren. Wagners haben zusammen im Monat 1600 Lei Rente zur Verfügung.
“Mittlerweile sind es über 50 Prozent der Kinder, die ohne Eltern aufwachsen.“
Bettina Kenst arbeitet seit vier Jahren als evangelische Pfarrerin in der Region. Die Woche über gibt sie Religionsunterricht an einer Schule in Medias. Den EU-Beitritt Rumäniens bemerkt sie am „ungemeint unverschämten“ Verhalten ihrer Schüler. Weil Vater, Mutter oder beide zum Arbeiten im Ausland sind, muss nun in der Schule die fehlende Erziehung ausgebügelt werden.
“Alle Nachteile sind auch positiv zu bewerten. Rumänien ist einfach das Land, was neue Wege gehen muss.”
Ralf Hermschröder lebt seit drei Jahren mit seiner Frau Susanne und seinem Sohn Tom in Rumänien. Er hat sich ein Ingenieurbüro in Mediaş aufgebaut, sie bewirtschaftet seit Oktober das Gästehaus in Ighişu-Nou. Er meint, dass eine Lösung für Rumäniens Probleme die Besinnung auf erneuerbare Energien sei, denn Gas sei teurer als in Deutschland und Ackerfläche gäbe es reichlich. Biogasanlagen könnten die Dörfer komplett versorgen. Seine Firma hat schon vier Aufträge für solche Anlagen unterzeichnet.
“Ich habe drei LKWs wieder weg geschickt. Die Leute müssen lernen zu arbeiten und dürfen nicht von Spenden abhängig werden.”
Nicolae Creţu, 51, ist der orthodoxe Priester in Ighişu-Nou. Er hält nichts von westlichen Hilfsgütern für seine Schäfchen. Stattdessen setzt er auf Bildung für die Dorfjugend. Dass sie dafür auch ins Ausland geht, befürwortet er. Dass die jungen Rumänen dort glücklich werden, glaubt er aber nicht.
“Es hat überall geblitzt. Erst später haben wir begriffen, dass es Radarfallen waren.”
Vlad ist Teodoras Freund. Zurück vom Land bleiben wir noch eine Nacht bei unseren Gastgebern in Sibiu. Bei traditionell schwerem Essen erzählt Vlad, dass er 2007 einen Freund zum Autokauf nach Husum begleitet hat. Mit 180 km/h haben sie nachts die deutschen Autobahnen ausgenutzt.



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