Team Polen: Eine Schweiz mitten in Polen
Man könnte es die polnische Schweiz nennen. Die Masuren sind zwar das hauptsächliche Reiseziel der Touristen, aber wir lernen - die unbekanntere Kaschubei steht ihnen in nichts nach und wir lernen auch: natürlich sind wir nicht frei von Klischees und haben Angst vorm großen kahlgeschorenen Mann.

Unser Tagesziel für heute: die kaschubische Schweiz. Um genau zu sein wollen wir in die Hauptstadt der größten polnischen Minderheit, der Kaschuben. Kartuzy heißt diese Stadt und sie liegt westlich von Danzig mitten im Wald und umgeben von Seen. Etwas überrascht ist die Frau an der Rezeption ob unseres Gepäcks, den Direktor wollen wir sprechen? Sie zeigt an die Decke: „Oben“. Wir klopfen eine Etage höher am Büro des Direktors Norbert Maczulis. Etwas missmutig scheint er am Anfang, aber er gibt uns gern Auskunft, doch erst mal sollen wir uns die Ausstellung anschauen. Wir schauen also: kaschubische Keramik, kaschubische Trachten und kaschubische Fischerboote. Und wir lernen, dass die Kaschuben eine slawische Volksgruppe sind, die sich der Jahrhunderte anhaltenden Germanisierung widersetzten. Klingt nach Asterix und Obelix – ist auch so, nur ohne Zaubertrank.
Der Museumsdirektor ein Spion?
Herr Maczulis ist dann auch gemütlich wie Obelix und einmal in Fahrt gekommen, erzählt er uns von der kaschubischen Minderheit, deren Sprache als einzige offiziell neben dem Polnischen anerkannt ist. Eine Minderheit, die – EU sei Dank – jetzt sogar zweisprachige Schilder bekommt. Und trotzdem sind Kaschuben immer Polen – Pole und Kaschube in einem eben. Die Stadt Kartuzy wurde übrigens vom französischen Orden der Karthäuser gegründet. „Kennen sie den Film ‚Die große Stille’? Der mit den Mönchen, die den ganzen Tag nichts sagen, weil sie ein Schweigegelübde abgelegt haben. In dem Kloster war ich auch.“ Wir sind ein wenig beeindruckt, denn sofern ich mich recht erinnerte, durfte der Regisseur dieses Films erst nach 19 Jahren Bedenkzeit zu den Mönchen. Herr Maczulis war da offensichtlich schneller. Wir erfahren, dass er schon viel herumgekommen ist und sogar eine eigene Stasi-Akte hat. Die bekam er aufgrund seiner Aktivitäten in Ost- und Westdeutschland. Als studierter Historiker wollte er seine Doktorarbeit über die deutsche Wehrmacht schreiben, reiste dank Stipendium noch in Zeiten des Kalten Krieges von Archiv zu Archiv von Bonn nach Potsdam und „ja in Leipzig war ich auch schon“. Aus der Doktorarbeit wurde dann nichts, die Akte bekam der unter „Spionage-Verdacht“ geratene trotzdem. Noch heute bekommt er dank seines Stipendiums Material aus Deutschland zugeschickt und ist bestens informiert über Angela Merkel und Co.
Nach Gdansk oder nach Warschau?
Nach einem Frühstück auf dem Marktplatz von Kartuzy, heißt es für uns: Auf nach Warschau. Marian Kotecki liest uns auf und scheint uns an der nächsten Bushaltestelle wieder loswerden zu wollen. Wir sind etwas besorgt, weil wir leider nicht verstehen, was der große kräftige Mann mit dem typisch polnischen Bürstenschnitt von uns will, nachdem er wieder zu uns in Auto gestiegen ist und wir erst mal keine Anstalten machen, uns aus den weichen Ledersitzen zu erheben. Sein Bruder, der dank wundersamer, im dicken Mercedes integrierter, Telefontechnik herbeigerufen wird, soll Abhilfe verschaffen. „Was ist das Problem?“, fragt er. „Eigentlich haben wir kein Problem, wir wollen nur nach Gdansk oder Warschau, aber ihr Bruder hat angehalten und auf den Busplan geschaut, wir können aber nicht Bus fahren“, antworten wir. Kurzerhand sollen wir in das Unternehmen mitkommen, das unserem Fahrer gehört und da lösen sich auch schon die Fragen von selbst: Es ist ein Bus-Unternehmen. „Mit einem einzigen Bus hat er mal angefangen“, so übersetzt der Bruder schließlich im Büro angekommen, „jetzt bedient er mehrere Überlandsstrecken“. Wojtek, der deutschsprechende Bruder, ist Schlosser und nachdem er seine Stelle in Berlin verloren hat, arbeitet er nun im mittlerweile gewachsenen Unternehmen seines Stiefbruders. Die Europäische Union hat dem Unternehmer nur Gutes gebracht, der Aufschwung hat auch ihm geholfen.
Bus und Wald
Marian ist nicht nur Bus-Unternehmer und Bürstenschnittträger, er engagiert sich auch in einem Verein für die Pflege des Waldes. Wenn wir mehr Zeit hätten, dann würde er uns zwei Tage durch den Wald führen. Stattdessen bekommen wir ein Prospekt von der kaschubischen Schweiz und die Aufforderung, die Region etwas bekannter zu machen. „Nicht immer nur die Masuren! Die kaschubische Schweiz ist auch sehr schön!“, dem kann man nichts entgegnen. Aber wir müssen weiter, das Tagesziel Warschau liegt noch in weiter Ferne. Und dann bekommen wir noch 1-A-Sonderbehandlung. Vor dem Unternehmen hält der Bus in unsere Richtung, der Chef Marian setzt uns hinein („Das ist mein Bus!“) und sagt dem Fahrer bescheid. Was will man mehr: Wir sind sogar Bus-getrampt!



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