Team Baltikum: "How we are living"
Rupeikas Litauen unterscheidet sich von dem aus den Reisefuehrern oder EU-Broschueren. Der litauische Journalist fährt raus aufs Land zu den Menschen und erzählt ihre Geschichten im Radio.

Nach 40 Jahren kein bisschen muede
Schon beim ersten Telefonat merkt man, dass Benediktas Rupeikas nicht zu der einfachen Sorte Mensch gehoert. Erst beim dritten Anruf redet er überhaupt länger als 10 Sekunden mit einem. Wer man sei, was man eigentlich wolle, von wem man überhaupt seine Nummer habe?
Um so überraschender ist dann aber die erste Begengung mit dem litauischen Radio-Urgestein. Da wartet am Morgen trotz des Regens ein gutgelaunter Mann mit freundlichem Lächeln vor dem Gebaude des litauischen Staatsfernsehens und -radios. Einzig der weiße Zehn-Tage-Bart verrät, dass Rupeika schon 65 Jahre alt ist. Ansonsten trift man auf einen sportlichen Mann mit vollem Haar und natürlicher Gesichtsbräune.
Der Journalist zeigt exzellente Manieren: Er führt höflichen Smalltalk, stellt einem die vorbeigehenden Kollegen vor und organisiert erst einmal eine Runde Kaffee. Dann sprudelt es nur so aus ihm heraus: Man solle ihm seine gestrige Art verzeihen. Man wisse ja nie, mit wem man es zu tun habe. Nach 40 Jahren Berufserfahrung und einigen Versuchen, ihn mundtot zu machen, sei er grundsätzlich etwas skeptisch.
Zu Hause auf dem Land
Rupeika, geboren 1944 in Heidekrug, einem Dorf im Osten Litauens, begann seine Karriere 1969 beim litauischen Staatsradio. Er diente dreieinhalb Jahre in der Sowjetarmee und kehrte danach zum Radio zurueck. Einen Namen machte er sich mit Reportagen über das Leben auf dem Land. In seiner Sendung "How we are living" interviewte er tägliche die "einfachen" Litauer zu ihren Lebensumständen. So trat er den politschen Würdentragern in ihrer schönen Propagandewelt häufig auf die Füße.
Seit 1990 war er sieben Jahre lang Abgeordneter im litauschem Parlament, dem Seimas. Auch dort wurde aufgrund seiner kritischen Art er nicht geschätzt. 1997 kehrte er erneut zum Radio zurück. Vor einigen Jahren ging er in Rente, führt seine Reihe jedoch jeden Samstag unentgeltlich fort. Dafuer reist er weiter quer durch die litauische Provinz und beschäftigt sich auch mit den Auswirkungen des Kapitalismus und des EU-Beitritts auf das Leben der Landbevölkerung.
Unbequeme Wahrheiten
Seine Analysen sind kurz, pointiert und polarisierend. So meint Rupeika zu aktuellen Themen:
Der neugewonnene Wohlstand der letzten Jahre: nicht mehr als ein paar Wolkenkratzer aus Plastik und Presspappe in Vinius.
Die Wirtschaftskrise: das Ergebis der Habgier mathematisch unbegabter Spekulanten.
Die Auswirkungen auf Litauen: Die Neureichen gehen Pleite, den Bauern interessiert das nicht, denn er baut seine Nahrung selber an und seine Kühe sind nicht an der Börse notiert.
Rupeika meint das nicht beleidigend. Er liebe sein Land, betont er. Aber man müsse die Misstände ansprechen. Und deswegen wird er seinen Landsleuten auch in den nächsten Jahren unbequeme Fragen stellen.



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