Leinwand in Buchform - ein Verwirrspiel
Einem Mann wird sein verlorener Koffer zugestellt. An für sich erfreulich, aber diesen Mann stellt es vor erhebliche Probleme: Nicht nur, dass er als gläubiger Jude den Koffer am Shabbat nicht annehmen kann – er kann sich auch nicht erinnern, überhaupt einen Koffer verloren zu haben.

So beginnt Benjamin Steins Roman „Die Leinwand“ – oder, besser gesagt, eine Seite des Buches. „Die Leinwand“ besteht aus zwei Geschichten, die jeweils von einem Buchdeckel aus beginnen und sich in der Buchmitte treffen. Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Gestaltung stammt nicht aus einer Marketing- oder Gestaltungsabteilung des Verlags, sondern vom Autor selbst. Benjamin Stein wollte ein Buch machen, das wirklich nur als Kunstform Buch funktioniert – und so der Ebook- und Hörbuch-Branche ein Schnippchen schlagen.
Schrift von hinten – Schrift von vorn: In Steins Roman treffen nicht nur jüdische und christliche Tradition aufeinander, sondern auch zwei Protagonisten und deren unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Geschichte. Es geht um die großen Fragen von Wirklichkeit und Identität: Was von der eigenen Erinnerung ist wirklich real? Was ist wahr, die eigene Sicht der Dinge oder die der anderen? Was ist Fiktion, was nicht? Fragen, die letztlich keine Antwort finden können. Benjamin Stein: „Am Ende müsste ich meine Figuren eigentlich umbringen. Entweder das – oder die Suche geht weiter.“ (mdj)



Beitrag empfehlen / kommentieren