DDR-Flucht führt zu Familiendrama
DDR, Stasi, Flucht - auch wenn Manche sagen, das hänge ihnen zum Hals heraus: Die Journalistin Heike Otto erzählt in ihrem Tatsachenroman "Beim Leben meiner Enkel" eine Familientragödie. Denn so schlimme Erlebnisse dürfe man nicht vergessen.

Als Heike Otto aus ihrem Buch "Beim Leben meine Enkel: wie eine DDR-Flucht zum Familiendrama wurde" liest, wird es am Mephisto-Stand noch etwas stiller als bei den anderen Lesungen zuvor. Kein Wunder, jedes Wort sitzt, die auswegslose Situation des Inhaftierten DDR-Flüchtlinges schürt eine beklemmende Atmosphäre: "Eine winzige dunkle Zelle (...), da kannst du dich kaum bewegen (...), das Licht ist immer an (....), ich bin kurz davor, durchzudrehen."
1984 flohen drei Süd-Thüringer über die Grenze. Ihre Frauen wollten sie per Einreiseantrag nachholen. Doch das Ganze ging schief: Die Stasi verhört die Ehefrauen. Sie droht einer, Kerstin, ihr Kind zur Adoption freizugeben. "Die Stasi wußte schnell, wer der schwächste Charakter ist", erzählt Heike Otto. Kerstin sagt schließlich aus. Es folgen Verrat, Scheidung, Haft.
Nichts ist Fiktion
Für das Buch recherchierte Heike Otto im Bekannten- und Familienkreis, denn sie kennt alle Betroffenen. Einen der Männer lernte sie als Partner ihrer Schwester kennen. Lange Zeit wußte sie von ihm nur, dass er schon einmal verheiratet, im Westen gewesen ist und politischer Häftling war. "Ich habe mit allen Betroffen lange Interviews geführt, da brachen viele tiefe Wunden wieder auf", erzählt Otto. Nichts habe sie für das Buch erfunden, auch die Namen seien echt. "Es war ein langer Prozess, die Leute zum Sprechen zu bewegen." Dann hat Otto die Geschichten aus Sicht der Betroffenen aufgeschrieben.
Im Buch kann der Leser die Geschichte aber auch aus der Sicht der Stasi lesen. Die Unterlagen von damals konnte Otto einsehen und verwenden. Die Verharmlosung der DDR-Geschichte durch immer wieder aufkommende Ostalgie-Wellen bewertet Heike Otto sehr kritisch: "Für die Leute in diesem Buch ist das eine Ohrfeige". Eben weil es so schlimm gewesen sei, das man es nicht vergessen dürfe, habe Otto die Geschichten der sechs Betroffenen aufgeschrieben.



Beitrag empfehlen / kommentieren
Kommentar abgeben