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Volkmarsdorf

Leipziger Bürger gegen Sinti und Roma

von Vera Ohlendorf
Montag, 30. August 2010

Im Leipziger Stadtteil Volkmarsdorf beschweren sich Anwohner über eine zunehmende Zahl von Straftaten, die angeblich von Sinti und Roma verübt würden. Die Polizeit widerspricht. Vorurteile gegen diese Gruppen sind in ganz Europa verbreitet.

In der Neubausiedlung in Volkmarsdorf kommt es zu Konflikten. (Foto: A. Hübner)

In einem offenen Brief haben sich Anwohner aus Volkmarsdorf an die Polizei gewendet. Sie beklagen sich über eine Gruppe von Sinti und Roma, die in dem Viertel um die Lukaskirche leben. Angeblich würden seit einiger Zeit vermehrt Straftaten wie Diebstähle, Ruhestörungen, Belästigungen durch Betteln und Sachbeschädigung durch diese Gruppe verübt. In dem Schreiben kündigten die Anwohner an, eine Bürgerwehr bilden zu wollen, um selbst gegen die Sinti und Roma vorzugehen. Mit anderen Migrantengruppen habe man nach eigenen Angaben keine Probleme.

Polizei stellt keine vermehrten Straftaten fest

Die Polizei widersprach den Einschätzungen der Beschwerdeführer. Volkmarsdorf weise eine durchschnittliche Kriminalitätslageauf, bei schweren Straftaten wie Raub, Sachbeschädigungen, Straßenkriminalität und Einbrüchen seien die Fallzahlen sogar zurück gegangen. In einigen laufenden Verfahren werde derzeit gegen Unbekannt ermittelt, es gebe es keine Hinweise darauf, dass Straftaten ausschließlich Sinti und Roma zuzuordnen seien, so Polizeisprecher Uwe Voigt. Das subjektive Empfinden der Bürger stimme nicht mit den objektiven Zahlen überein. Von der Einrichtung einer Bürgerwehr rät die Polizei entschieden ab. Im Moment werde versucht, den Hintergrund für das Schreiben und die Gründe für die zahlreichen Anschuldigungen in Erfahrung zu bringen. Genaue Ergebnisse gebe es noch nicht.

Roma in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt

In der Bundesrepublik leben heute ungefähr 70.000 Roma, die als nationale Minderheit anerkannt sind und als "Sinti und Roma" bezeichnet werden. Nach Angaben des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma  bezeichnet "Sinti" die in Mitteleuropa seit dem Spätmittelalter beheimateten Angehörigen der Minderheit, während "Roma" diejenigen meint, die südeuropäischer Herkunft sind. Historiker gehen davon aus, dass die Roma ursprünglich aus Indien stammen und vor ungefähr 1000 Jahren das Land verließen, um sich auf den Weg nach Europa zu machen.

Im Nationalsozialismus wurden sie systematisch verfolgt, zwangssterilisiert und in Konzentrationslagern ermordet. 

Vorurteile gegen Roma in Europa weit verbreitet

Gegenwärtig schiebt Frankreich zahlreiche Sinti und Roma in ihr Herkunftland Rumänien ab. Bis zu 700 Menschen sollen ausgewiesen werden. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma fordert, die Abschiebungen zu stoppen. Sie seien inhuman und lösten keine Probleme, sondern verschärften die Spirale von Ausgrenzung und Diskriminierung.

Vorurteile gegen diese Gruppen sind in ganz Europa bis heute weit verbreitet. In der Europäischen Union leben schätzungsweise zwischen zehn und zwölf Millionen Sinti und Roma. Oft werden sie abwertend als "Zigeuner" bezeichnet, als fahrendes Volk, Bettler, Betrüger und Diebe. Vor allem in osteuropäischen Ländern leben viele von ihnen in Armut, da sie wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert werden und kaum Zugang zu Bildung und Beschäftigung haben. Gemäß einer Studie der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2008  halten es 77 Prozent der EU-Bürger für einen „Nachteil", ein Sinti oder Roma zu sein. Auf die Frage „Würden Sie sich mit einem Roma als Nachbarn wohl fühlen?" antwortete jeder vierte deutsche Bundesbürger mit 'Nein', in vielen anderen Ländern waren noch deutlich mehr Menschen dieser Ansicht.

mephisto 97.6-Redakteurin Anna Hübner hat sich in Volkmarsdorf umgesehen und versucht, die Hintergründe der Anwohnerbeschwerde in Erfahrung zu bringen:

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Kommentare


Michael R., 20.10.10 17:48:
Hallo,
vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel! Ich muss jedoch darauf aufmerksam machen, dass man folgenden Satz so nicht einfach stehen lassen kann:
"Gegenwärtig schiebt Frankreich zahlreiche Sinti und Roma in ihr Herkunftland Rumänien ab." Als Berichterstatter könnten Sie in dieser Problematik einen kritischeren Standpunkt einnehmen als es der Zivilgesellschaft möglich ist. Wenn man sich die aktuellen Forschungen von Heitmeyer und Co. vergegegenwärtigt wird einem schnell klar, warum das Thema Antiziganismus bisher keine große Rolle in öffentlichen Diskursen spielte. Zum Zitat: Sie rechtfertigen nahezu die rassistische Hetze Frankreichs gegen die Roma indem sie unkritisch deren Argumentation des "Herkunfslandes Rumäniens" übernehmen! Roma sind als EU Bürger und anerkannte Staatenlose keinem politisch territorialem Gebiet zuordbar. Bitte beherzigen Sie dies zukünftig in Ihrer Argumentation!
MfG Michael R., Tschechische Republik

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