Der meistzitierte westliche Intellektuelle ist ein älterer kleiner Herr von 76 Jahren. Ruhig und zurückhaltend, erklärt er die großen Zusammenhänge der internationalen Politik. Trotzdem recken die Leute ihre Hälse ungläubig aus den Sesseln, denn seine Vorträge sind gespickt mit Polemik und Zuspitzung.
Die Redner heißt Noam Chomsky. Er war gestern zu Gast im Leipziger Gewandhaus.
Aaron Galliner und Christian Grimm haben zugehört.
Ostermontag 11:00 Uhr - Der große Saal im Gewandhaus ist voll. Normalerweise ist nur eine universitäre Veranstaltung so gut besucht, dass sie im Gewandhaus stattfindet: Die feierliche Immatrikulation des neuen Studienjahrgangs. Gestern war das nicht so.
Noam Chomsky hat die öffentliche Ringvorlesung für das Sommersemester 2005 eröffnet, Höhepunkt und Eröffnung fallen also zusammen.
Das Thema der Vortragsreihe ist brisant:
Deutschland - Israel - Palästina.
Ab der ersten Minute seines Vortrages wird klar, auf welcher Seite der geistige Übervater der Anti-Globalisierungsbewegung steht.
O-Ton (1): Refuse to consider pal. State
Die USA und Israel haben die Möglichkeit eines paläst. Staates niemals in Erwägung gezogen. Schließlich im Jahre 2003 beschlossen George Bushs Handlanger, dass Bush eine Vision von einem palästinensischen Staat bekommen sollte. Vielleicht irgendwo in der Wüste Saudi-Arabiens.
Die USA und Israel waren zu keiner Zeit an einer wirklichen Autonomie der Palästinenser interessiert, lautet das bittere Resumee Noam Chomskys.
In der Geschichte des Nahost-Konflikts sei ständig die Rückgabe besetzter Gebiete an die Palästinenser angekündigt worden. In Wahrheit sei die Zahl israelischer Siedlungen in der Westbank aber stetig angewachsen.
Mit Unterstützung der USA habe Israel eine neokoloniale Herrschaft errichtet. Etliche Chancen den Konflikt zu entschärfen, hätten die Partnerstaaten ausgeschlagen.
O-Ton (2): "Expansion statt Sicherheit"/Wasser
Israel erkannte das als ein echtes Friedensangebot der Ägypter an, doch man entschied abzulehnen. Stattdessen zog man der Sicherheit die Expansion vor. Die entscheidende Frage war nun, was würden die USA unternehmen? Die Vereinigten Staaten entschlossen sich die Israelische Entscheidung zu unterstützen und Kissingers harte Gangart fortzusetzen. Also keine Verhandlungen, nur Gewalt.
Noam Chomsky ist berühmt dafür, hart mit den Regierungen in Washington und Tel Aviv ins Gericht zu gehen. Ohne die Tonlage zu steigern hat er gestern Israels Premier Ariel Sharon trocken einen Erzterroristen genannt.
Aber Kritik an einer Regierung ist für Chomsky nicht mit Kritik an einem Volk oder einer Kultur gleichzusetzen.
Welche Vorstellungen die Palästinenser mit einer Zweistaatenlösung verbinden, hat er allerdings nicht gesagt. Eine echte Lösung sei jedoch mit den USA und Israel nicht zu machen.
Umso stärker fordert er eine aktive Rolle der Europäer, damit der Nahe Osten irgendwann zur Ruhe kommen kann. "Sie hätte die Wahl weiterhin einem Verbrechen zuzuschauen"
O-Ton (3):
Oder aber Sie übernehmen eine Führungsrolle dabei, den Nahen Osten in eine Region des Friedens und der größeren Freiheit und Gerechtigkeit zu verwandeln. Ein Ziel das wohl nicht unerreichbar ist.
Dass die Positionen Chomskys umstritten sind, beweist die friedliche Demonstration des Leipziger Bündnisses gegen Antisemitismus. Während dem Vortrag Chomskys haben sich Mitglieder mit einem Banner hinter dem Rednerpult platziert. Darauf forderten sie Null-Toleranz mit Antizionisten.