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Faustschlag - Das Vormittagsmagazin Erinnerung an Wladyslaw Szpilmann
Geschrieben von fwitt am 02.09.04 um 12:12:09


Gestern vor 65 Jahren überfiel Nazi-Deutschland Polen und der zweite Weltkrieg begann. Die deutschen Soldaten errichteten dort ihre Schreckensherrschaft und setzten nach und nach die Rechte der Polen und vor allem der polnischen Juden außer Kraft, bis es schließlich zur Umsiedlung der Juden ins Warschauer Ghetto kam. Einer, der all das miterlebt hat, war Wladyslaw Szpilmann. Seine Geschichte ist bekannt geworden durch den Film "Der Pianist". Gestern abend wurde im Polnischen Institut dieses Musikers gedacht, dessen Schicksal exemplarisch ist für das Schicksal vieler Polen im zweiten Weltkrieg. Julia Heyde war im Polnischen Institut mit dabei und erinnert an den Pianisten Wladyslaw Szpilmann.

Ein junger Mann sitzt an einem glänzend-schwarzen Flügel. Seine schlanken Hände gleiten sanft und doch kraftvoll über die Tasten. Er lächelt leicht, während er Chopin spielt. Doch dann stören und zerstören Bombeneinschläge die Musik.

Der Pianist ist Wladyslaw Szpilmann. Mit diesem biographischen Erlebnis Szpilmanns beginnt der Film "Der Pianist" von Roman Polanski. Als Grundlage für den Film diente Szpilmanns Buch "Mein wunderbares Überleben". Seine Aufzeichnungen geben ein authentisches Bild dessen, was zwischen 1939 und 1945 in Warschau geschah, und wie die Menschen nach dem Einmarsch der Deutschen leben mussten. Wladyslaw Szpilmann hat im Warschauer Ghetto gelebt und war Zeuge des Abtransports seiner Familie nach Treblinka. Schließlich gelang es ihm, aus dem Ghetto herauszukommen, doch auch auf der anderen Seite musste er sich immer wieder an verschiedenen Plätzen, in Häusern und Wohnungen verstecken. Er fand Menschen, die ihm halfen und musste doch immer wieder fliehen. Zuletzt wurde ein deutscher Offizier sein Helfer; er versorgte ihn mit Essen. Die erste Begegnung zwischen Offizier Wilm Hosenfeld und dem runtergekommenen und verwahrlosten Pianisten Szpilmann ist berühmt geworden.

Sein Klavierspiel rettet ihm diesmal sein Leben, wie Szpilmann in seinen Erinnerungen festhält. Er überlebt das Kriegsende und gründet später eine eigene Familie. Er arbeitet auch wieder beim Polnischen Rundfunk, tritt als Pianist auf und komponiert. Er schreibt nicht nur Klassik und Kammermusik, sondern auch jazzige Unterhaltungsmusik, die in Polen sehr populär ist.

Das Schicksal des Wladyslaw Szpilman steht exemplarisch für das vieler Juden in Polen während des zweiten Weltkriegs. Das Besondere an Szpilmann ist, dass er sich von diesem Schicksal nicht unterkriegen ließ. Der Leipziger Literaturprofessor Manfred Diersch hat Szpilmann kurz vor dessen Tod im Jahr 2000 kennengelernt. Er beschreibt, was ihn am meisten an Szpilmann beeindruckt hat:

Diersch: "Seine innere Fröhlichkeit und Unbeschädigtsein von dem schweren Schicksal. Er war ein fröhlicher, Lebenskraft ausstrahlender Mensch, von dem ich meine, dass er durch sein Leben mit der Musik überlebt hat."

Seine Erinnerungen hat Wladyslaw Szpilmann gleich 1945 aufgeschrieben. Das Buch "half ihm, die erschütternden Erlebnisse aus der Zeit des Krieges so zu verarbeiten, dass er den Kopf und das Herz frei hatte für das Weiterleben"; So hat es Szpilmanns Sohn ausgedrückt. Trotzdem fiel es Wladyslaw Szpilmann schwer, über seine Erlebnisse in den Kriegsjahren zu sprechen. Denn die Vergangenheit zu verarbeiten heißt nicht, sie zu vergessen. Die Erinnerungskultur in Europa ist auch ein Anliegen von Professor Diersch. Er hat festgestellt, dass junge Deutsche zu oft einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollen.

Diersch: "Diese Art von Lebensform ist eine flache Lebensform, weil man dann die Dimension der Geschichte, also dessen, worauf man selbst steht, nicht realisiert. Man lebt reicher, wenn man mit der Geschichte lebt, nicht um von der Geschichte gebunden zu werden, sondern um auf der Geschichte zu stehen. Man steht auf der Geschichte, so wie jemand auf den Schultern seiner Vorfahren steht. Goethe sagt: Wir stehen in der Kette der Generationen. Und das heißt in der Abfolge der Geschichte."

Die Musik Szpilmanns könnte für nachfolgende Generationen ein Erinnerungsanstoß sein.

Der Beitrag zum Anhören





 
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