Geschrieben von ustam am 06.08.04 um 10:25:06
Wenn man im Ausland ist, schickt man normalerweise eine stinklangweilige Postkarte nach Hause. Das ist meist die Karte, auf der die berühmtesten Touristenattraktionen abgebildet sind. Ein Fotograf hat es da leichter: Er kann selbst gemachte Fotos schicken. Genau das tut der Neuseeländer Fotograf Dean Nixon. Seine Fotos sind seit Beginn dieser Woche in einigen Leipziger Cafés ausgestellt. Fruzsina Müller hat sich die "Postkarten nach Übersee" mal angeschaut.
Alle zwölf Monate schickt der Fotograf Dean Nixon selbst gemachte Postkarten in seine Heimat Neuseeland – und das schon seit fünf Jahren. Es sind aber keine gewöhnlichen Ansichtskarten, sondern Bilder der subjektiven Sichtweise eines Wahl-Leipzigers. Nixons schwarz-weiße Fotos sind Stillleben, Tierfotos oder Aktbilder. Mal stellen sie die Natur, mal Mitglieder einer politischen Bewegung, mal einfach nur neue Freunde dar. Zu den Fotos gehören immer Texte, die nicht unbedingt zu den Bildern passen, aber den Neuseeländern Gedanken und Gefühle über Leipzig und Europa vermitteln sollen. Wie dieser Textausschnitt vom September 2001:
Liebe Leser, kürzlich entdeckte ich einen inspirierenden Spruch, der vor Jahren an die Mauer einer verlassenen Fabrik meiner Nachbarschaft gesprüht wurde: "Der Krieg ist kein Gesetz der Natur", und ging zu einer wunderschönen Hochzeit in einer alten Burg in Spreewald. […] Ich wollte euch etwas Heiteres schicken diesen Monat, aber während ich schreibe, ist der Himmel schwarz, obwohl es Vollmond ist. Und die besten Nachrichten, die ich persönlich finden kann, ist, dass ich einen neuen Zahn habe und nächste Woche in Krakau meine neue Ausstellung eröffnen werde.
Nixon ist nicht immer so schlechtgelaunt, aber er reagiert sehr empfindlich auf die Geschehnisse in Europa. Er schreibt auf Englisch, denn die Bilder und die Texte erscheinen immer in einer neuseeländischen Fachzeitschrift. Dem Leipziger Publikum zuliebe mussten diese Texte jetzt ins Deutsche übertragen werden. Und das war auf keinen Fall leicht, sagt der Übersetzer Fabian Williges:
Beim Inhaltlichen, habe ich häufig zu Dean gesagt, frag ich mich, ob die Leipziger auch über diese witzige Sicht auf sie lachen können. Es ist ja für Neuseeländer geschrieben und man muss schon Humor haben, um über sich selbst lachen zu können.
Die Übersetzung scheint aber gut gelungen zu sein, denn auf den Ausstellungseröffnungen schien keiner der wenigen Besucher beleidigt zu sein. Im Gegenteil – die Fotos haben ihnen gut gefallen:
Sehr gut. Besonders das Hochzeitsfoto hat mir gefallen, wie die verschiedene Blicke gekreuzt haben und Bewegungen auf dem Bild. Stimmungsbilder aus Leipzig. Sehr schön fotografiert.
Dean Nixon sieht sich selbst genau so, wie ein richtiger Künstler sein muss: Er behauptet, dass er von niemandem, nicht einmal von seinen Eltern, verstanden wird. Zu diesem romantischen Künstlerdasein gehören auch seine Wohnverhältnisse. Er lebt nämlich in einer Fabrik in Plagwitz. Aber was zieht einen erfolgreichen neuseeländischen Fotograf in eine alte Leipziger Fabrik?
Leipzig war mein Ziel genau, weil es ist ein Drehpunkt, eine Mitte zwischen Ost und West, und es interessiert mich, wie die Leute reagieren auf den Einfluss des Westens.
Inzwischen hat Nixon viele Freunde in seiner neuen Heimat gefunden. Sie haben ihm geholfen, seine erste Ausstellung Ende 1998 in Leipzig zu organisieren. Als Ausstellungsplatz diente schon damals das Cafe "Konrads", genauso wie jetzt auch. Denn seit diesem Montag sind Nixons Fotos in fünf Leipziger Cafés zu sehen. Denn die Cafés binden ihn an persönliche Erlebnisse: Im Internetcafe "Le Bit" hat er immer abends gesessen, um mit den Daheimgebliebenen per e-mail in Kontakt zu bleiben. Im Plagwitzer "Kanal 28" war er deshalb so oft, weil er in der Nähe wohnt, im "Telegraph" hat er viele andere Künstler kennen gelernt. Und das "Barcelona" – das ist einfach sein Lieblingscafé. Nixon hat sich zwar die fünf Cafés als Ausstellungsorte ausgesucht, aber es ist ihm jetzt doch komisch, die Bilder nebeneinander zu sehen.
Es war nicht geplant diese Ausstellung zu machen und jetzt, die Bilder auf der Wand, ich sehe, dass sie manchmal gar nichts miteinander zu tun haben. Ich mache nie so was in meinem Leben. Normalerweise mache ich Ausstellungen mit bestimmten Themen z.B. Mitarbeiter, also 40 Porträts von Mitarbeitern einer Fabrik, oder Landschaftsbilder oder Wein und Mädels oder so.
Jetzt bekommen wir alles kompakt in den fünf Leipziger Cafes. Es lohnt sich, die Fotos anzuschauen und dazu die Texte zu lesen. Zwölf Fotos auf einmal sind nicht anstrengend – und es kann nie schaden, uns mit den Augen eines Ausländers zu sehen. Vielleicht gelingt es sogar, über uns selbst zu lachen.
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Die Fotos sind noch bis Ende September in den Cafés zu sehen.