Eine riesengroße Baustelle - diesen Eindruck gewinnt man, wenn man derzeit durch die Leipziger Innenstadt schlendert. Überall wird gebaut - und eine Baustelle sorgt besonders für Ärger und Diskussionen: Der Neubau der Universität am Augustusplatz. Bis 1968 stand dort die Paulinerkirche. Das Gotteshaus wurde auf Geheiß der SED-Führung gesprengt. Viele Leipziger beklagen noch heute, dass die Kirche aus dem 13. Jahrhundert zerstört wurde. Manche fordern sogar einen originalgetreuen Wiederaufbau. Losgelöst von dem Streit Wiederaufbau oder nicht, kamen diesen Sommer unheimliche Dinge ans Licht. Dort, wo die Paulinerkirche einst stand, fanden Archäologen Menschenknochen. Sabine Schön berichtet.
Wie kommen Knochen in die Baugrube der Universität Leipzig? Um diese Frage zu beantworten, muss man weit zurück blicken. Zu den Knochenfunden gibt es viele Spekulationen. Einige vermuten die Gebeine stammen aus der Gruft der Paulinerkirche. Sie stand auf dem heutigen Universitätsgelände, bis die SED-Führung sie 1968 sprengen ließ. Das Landesamt für Archäologie hat die Knochenfunde untersucht. Der Sprecher Christoph Heiermann erklärt, dass die Knochenfunde aus der Zeit vor 1400 stammen.
Auch wenn die Knochen nicht von St. Pauli stammen – das Thema Paulinerkirche und deren Sprengung beschäftigt immer noch viele. Was genau im Mai 1968 geschah, ist bis heute unklar. Aber es gibt Augenzeugen. Einer davon ist Winfried Krause. Er musste damals bei der Räumung der Kirche helfen. Genauer er musste Leichen und Skelette aus der Gruft der Kirche schaffen. Ein sogenannter Sondereinsatz, der sehr gut bezahlt warö.
Schreckliche Tage waren es bis zur Sprengung, erinnert sich Krause. Immer wieder wurden Särge geöffnet, Grabbeigaben entwendet und Kunstschätze schnell aus der Kirche geschafft. Die Arbeit war körperlich, aber auch emotional sehr belastend. Selbst heute noch ist Winfried Krause sehr davon betroffen und kann sich nur schlecht zurück halten.
Lange Zeit dachte niemand an die Toten, die bis 1968 in St. Pauli begraben waren. Nicht so Manfred Wurlitzer. Er ist Mitglied des Paulinervereins, der das Andenken an die Kirche wach halten will. An die These der 800 Begrabenen in St. Pauli glaubt auch Wurlitzer. Viele der Beigesetzten waren frühere Universitätsprofessoren. Seit Jahren befasst sich Wurlitzer mit der Zeit rund um die Sprengung der Kirche. Er ist sich sicher, dass die Aussagen der Zeitzeugen wahr sind.
Es ist also wahrscheinlich, dass es kostbare Grabbeigaben gab. Doch wo diese sich befinden, weiß niemand. Dieses Thema wird die Leipziger wohl noch lange beschäftigen. Ein großer Teil ihrer Geschichte wurde mit der Sprengung der Paulinerkirche zerstört. Wurlitzer hätte sich gewünscht, dass das Landesamt für Archäologie den Baugrund am Augustusplatz ausführlicher untersucht hätte. Doch dessen Sprecher betont, dass alles ordnungsgemäß bearbeitet wurde und hält weitere Untersuchungen für unnötig.