Im Rahmen der Wochenserie über die Freie Szene in Leipzig geht es heute um die Macher. Die Freie Szene, das ist ein weites Feld. Ein Experimentierfeld auf dem ausgetretene Pfade verlassen und ständig neue Wege der Darstellung gesucht werden. Da verwischen die Grenzen zwischen klassischem Schauspiel, Tanz oder Performance. Dadurch entsteht eine Mischung verschiedener Genres und Stile. All das was da entsteht tummelt sich in der (so genannten) Freien Szene.
Was die Macher über „ihre“ Freie Szene denken, das ist Thema unseres heutigen Beitrags. Alissa Imsirovic hat zwei Künstler aus Leipzig getroffen.
Ein still gelegtes Gleis am Bahnhof, ein feuchter Kellerraum eines Abbruchhauses, der Hinterhof einer leer stehenden Fabrik. All das könnten Orte sein, an denen Künstler ihre Stücke inszenieren. Diese Künstler haben oft nur einen zeitlich begrenzten Vertrag –wenn sie überhaupt fest angestellt sind. Womöglich müssen sie nebenher noch jobben, weil sie von ihrer Kunst allein nicht leben können. Doch viele verzichten lieber auf das feste Einkommen und schätzen das Klima der Unabhängigkeit in der Freien Szene. So wie der Student Christoph Wirth, ein junger Theatermacher aus dem Süden Leipzigs. Mit seiner Gruppe "Kommuni(…)tion" arbeitet er mit jedem neuen Stück an unterschiedlichen Spielstätten. Er genießt es keine Kompromisse eingehen zu müssen.
"Man ist nicht von Produktionsformen, die jetzt zum Beispiel in Staatsschauspiel sehr stringent sind, davon ist man wesentlich unabhängiger. Gerade so wie wir arbeiten mit geringem finanziellem Druck und relativ kleinformatig. Das heißt, dadurch dass man mehr Zeit hat ist natürlich auch die Entwicklung von Ideen ne ganz andere. Man kommt nicht mit einem vorgearbeiteten Konzept hin, sondern wir haben sehr stark so gearbeitet, dass erstmal die Frage und das Thema steht in groben Zügen und dass man dann anfängt eigentlich in der Diskussion und in der Improvisation ein fixes Thema überhaupt erst zu entwickeln."
Christoph Wirth ist so sehr viel flexibler. Das ist ein großer Unterschied zu der Arbeit an einem Stadttheater. In der Gruppe von Christoph Wirth sind nur Amateure. Immer wieder aufs Neue probieren sie es, spezifische Formen für ein bestimmtes Thema zu finden. Das ist ein weiterer Unterschied zum städtischen Theaterbetrieb: Der Darstellungsraum ist dort klar abgesteckt.
Der Aspekt des freieren Umgangs mit Zeit und der eigenen Form der Ästhetik ist ein entscheidender Vorteil der Freien Szene, sagt Christoph Wirth. Die Regisseure haben dort die Freiheit sehr ungebunden eine eigene Form der Darstellung entwickeln zu können. Diese Formen, die dann frei entstehen können sind es, die die Menschen in die Aufführungen locken. Das sagt die Leipziger Choreographin Heike Hennig im Hinblick auf ihre Stücke, die sie zusammen mit ihrer Initiative "tanz-scene" erarbeitet hat.
"Wir haben gemerkt: Die Leute gehen mit, die Zuschauer wollen es. Die wollen das sehen, die wollen eigentlich sich auf der Bühne erleben, ein Teil von ihnen und das haben die Stücke
geschafft. Und das wollen wir jetzt weiter fortführen auch im Sinne zu provozieren. Nicht zu sagen: das ist ne Hochkultur, das ist die Oper und das ist ne Subkultur, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das eine das speist sich aus dem anderen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Subkultur brauchen."
Aber Heike Hennig räumt auch ein: Selbst sie als Teil der Szene kann nicht genau sagen, was das eigentlich ist - die Subkultur. Denn die Grenzen zwischen Subkultur und so genannter Hochkultur seien fließend.
Dies zeigt sich schon an den Mitwirkenden. So arbeiten Heike Hennig und ihre Kollegen in ihrem Tanzprojekt "Zeitsprünge" zum Beispiel mit einer Primaballerina, die nur an der Oper getanzt hat und mit einem Breakdancer, der nur auf der Straße tanzt.
Es ist auch diese Vermischung, die die Freie Szene so spannend macht. Doch nicht nur auf der Bühne lassen sich Unterschiede zum etablierten städtischen Theater finden, sondern auch im Zuschauerraum. Denn Theater sollte immer auch ein Ort der Begegnung sein. Aber das kann man nicht erzwingen. Heike Hennig hat keine großen Ansprüche an ihr Publikum.
"Da mischt sich das und wir haben gemerkt, dass –auch bei den Publikumsdiskussionen- dass es wirklich aufgegangen ist, da saß wirklich der Breakdancer neben Omis und die gehörten irgendwie auch alle zusammen, hatten sich auch was zu sagen und das was wir damit bezweckt haben ist aufgegangen. Aber Ansprüche direkt nicht, Hauptsache es ist offen. und schön ist es natürlich, wenn man das Gefühl hat man bewegt etwas und das hatten wir."
Und das ist auch ihr Ansporn immer weiterzumachen. Auch wenn einmal nicht alles ganz so gut läuft – zum Beispiel wenn Fördermittel nicht bewilligt werden. Christoph Wirth muss nicht von seiner Arbeit leben können. Heike Hennig mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen schon. Darum plädiert sie für einen besseren Dialog mit der Politik und den Vertretern der so genannten Hochkultur. Ihrer Meinung nach sollte die Verteilung der Fördermittel neu diskutiert werden.
Damit dieser Dialog gelingen kann, muss sich aber auch die Freie Szene zusammenschließen. Nur so kann sie ihre Wünsche diskutieren und dann auch an die Entscheidungsträger in der Politik weiter tragen. Es muss also auch innerhalb der Szene eine größere Vernetzung geben. Das sagt jedenfalls Christoph Wirth. Doch er sieht auch die Hindernisse.
"Es ist, wenn man die FS insgesamt betrachtet unter Umständen nicht einfach, weil es erstmal sehr viel gibt, es gibt unendlich viel, was auch naja in dem Interesse und in den Formen die man wählt sehr unterschiedlich ist. Also von wirklich Spaßtheater bis dann professionelleres Theater und da läuft die Kommunikation nicht sehr gut, weil einfach es viele Leute gibt die an verschiedenen Orten was machen und es aber nicht wirklich hinkriegen sich zu vernetzen, was eigentlich notwendig wäre, wenn man gerade so nem Stadtkulturbetrieb irgendwas entgegenstellen will, das dann auch die Wucht hat Forderungen zu stellen."
Experimentelle Arbeiten wie die Produktionen von Heike Hennig sind auf den großen städtischen Bühnen angekommen. Inzwischen inszeniert sie auch im Kellertheater der Oper Leipzig. Und den jungen Theatermacher Christoph Wirth aus der Freien Szene Leipzig zieht es in der nächsten Spielzeit vorerst nach Weimar. Dort tritt er als Regieassistent am Nationaltheater an.