Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache aus. Würde es sich hier um eine bedrohte Tierart handeln, gäbe es schon längst Proteste. Unterschriften wären gesammelt und ein erster Gesetzesentwurf zum Schutz der Tiere auf dem Weg. Aber bei Sprachen verhält es sich anders. Sie kommen zum Schutz nicht in den Zoo, sondern verschwinden größtenteils unbemerkt. Wenn das Aussterben einer Sprache erstmal angefangen hat, ist es nur schwer aufzuhalten. Katarina Werneburg ist diesem Phänomen einmal nachgegangen.
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Jan singt Sorbisches Volkslied
Jan Meschkank ist 22 Jahre alt und studiert in Leipzig. Der gebürtige Cottbuser spricht und singt in einer Sprache, die heute nur noch wenige verstehen. Jan ist einer von 60.000 Sorben, die in Teilen Sachsens und Brandenburgs leben. In seiner Familie wird ausschließlich sorbisch gesprochen. Deutsch hat er erst in der Kinderkrippe gelernt.
Damit ist Jan eine Ausnahme. Denn die Hälfte aller heutigen Sorben beherrscht ihre ursprüngliche Muttersprache nicht mehr. Diese teilt sich in das Ober- und das Niedersorbische. Bedroht sind beide. Um das letztere allerdings ist es laut Jan besonders schlecht bestellt:
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„Was das Niedersorbische angeht, da sieht die Situation wirklich schlecht aus, weil das einfach nicht mehr in den Familien weitergegeben wird. Das lebt eigentlich nur noch durch Veranstaltungen und durch einzelne Enthusiasten, die das versuchen noch weiter zu sprechen und zu erhalten. Deswegen ist das da eine sehr problematische Lage. Also, fürs Niedersorbische sieht es sehr schlecht aus.“
Bedrohte Sprachen finden sich nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Besonders betroffen sind Australien und Nordamerika. Derzeit werden noch ungefähr 7000 Sprachen gesprochen. Aber diese Zahl wird in den nächsten Jahren rapide sinken. Das zumindest prognostiziert die Sprachwissenschaftlerin Sabine Stoll vom Leipziger Max-Plack-Institut:
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„Zwischen 50 und 90 Prozent der Sprachen, also eher auf die 90 Prozent hin, werden innerhalb des nächsten Jahrhunderts aussterben. Und einige, also ein Großteil davon, ist schon moribund, das heißt, dass es wirklich nur noch einige wenige ältere Menschen gibt, die die Sprachen sprechen. Es gibt keine Kinder mehr, keine jüngere Generation.“
Gerade Kinder sind es, die eine Sprache lebendig halten. Wenn Eltern aufhören mit ihnen in ihrer Muttersprache zu reden, stirbt sie aus. So eine Entwicklung ist jedoch nicht unumkehrbar. Eine bedrohte Sprache kann gerettet werden. Eingriffe von außen helfen dabei allerdings wenig. Sie muss von den Sprechern selbst als wichtig und existentiell empfunden werden.
Ein Forscherteam rund um den Leipziger Linguisten Balthasar Bickel hat eine solche Sprache in Nepal beobachtet. Sie heißt Chintang und zählt dort etwa 6000 Sprecher, darunter noch viele Kinder. Doch in der Schule lernen sie nur die Nationalsprache Nepali, während Chintang allmählich aus ihrem Alltag verschwindet. Balthasar Bickel ist trotzdem optimistisch. Die Menschen hegten immer mehr den Wunsch, ihre Sprache zu erhalten. Bickel und sein Team unterstützen sie dabei:
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„Also eine der größten Erfolge war, dass dann ein Lehrer aus dem Dorf daher gekommen ist und gesagt hat: Ja, er würde eigentlich so für sich schon länger immer so alte Mythen und Ritualtexte sammeln, aber er wisse nicht so richtig, was er damit machen soll. Wir haben ihm dann geholfen und wir haben das dann dahin gebracht, dass es jetzt als Buch erschienen ist in Nepal und das war ein ziemlich großes Ereignis. Und das war sehr schön, weil es auch gezeigt hat, dass auch von den Leuten selber, das doch der Wunsch da ist.“
Viele Menschen geben jedoch ihre Muttersprache auf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Für die eigene Karriere ist es sinnvoll, eine international verbreitete Sprache zu lernen. So kann jeder mit jedem kommunizieren. Die eigene Muttersprache verliert dann oftmals an Bedeutung. Aber auch Naturkatastrophen oder Kriege können eine Rolle spielen. Doch so stirbt längst nicht nur eine Sprache aus. Weltvorstellungen, Traditionen, Mythen, Rituale und auch die eigene Identität gehen verloren. Und gerade das kann laut Bickel weit reichende Folgen haben:
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Auch einige Sorben organisieren sich seit 2005 in einer Partei – der Wendischen Volkspartei. Sie will die Interessen der Sorben vertreten. Eine ihrer Forderungen ist es, die Sprache auch weiter an Schulen zu unterrichten. Noch ist Sorabistik in Deutschland sogar ein eigenes Studienfach. Allerdings nur an der Universität Leipzig. Dort hat Jan Meschkank nur noch etwa 30 Kommilitonen.