David Lynch macht es dem Publikum nicht leicht. Der Regisseur dreht Filme ohne roten Faden. Er wirft viele Fragen auf, ohne Antworten zu geben. Und so mancher Zuschauer ist erleichtert, dass er nicht der Einzige ist, der den Film nicht verstanden hat. Was macht da zum Beispiel die übergewichtige Pornodarstellerin im Hintergrund? Warum redet der FBI-Agent immer nur über seinen Morgenkaffee? Und um was handelt sich das alles überhaupt? Wiebke Wolter weiß auch keine Antworten – und hat trotzdem versucht sich David Lynchs rätstelhaften Filmen zu nähern.
Das Portrait zum Anhören.
"Was für eine fremde, seltsame Welt, was?" Diese Zeile taucht drei mal in Lynchs “Blue Velvet” von 1986 auf. Und sie ist bezeichnend für die Welten, die David Lynch in seinen Filmen kreiert. Sie sind dunkel, mysteriös – und sie untergraben den schönen Schein.
Selbst im Rasen des gepflegtesten Vorgartens krabbeln Ameisen und Würmer: Es brodelt unter der Oberfläche der heilen amerikanischen Vorstadt. In den Filmen „Twin Peaks“ und „Blue Velvet“ wird die Vorstadtidylle zum Ort des Verbrechens.
Lynch thematisiert die menschlichen Abgründe, die innere Zerissenheit und die Unsicherheit darüber, wer wir selbst sind. Das visualisiert Lynch indem er häufig Handlungen oder Personen verdoppelt. In „Lost Highway“ werden zwei Charaktere von der selben Schauspielerin verkörpert. Einmal mit schwarzen, einmal mit blonden Haaren. Oft vermengt Lynch auch die reale Welt der Figuren mit der Scheinwelt des Films. „Inland Empire“, wie auch schon „Mullholland Drive“, spielen im Filmmilieu Hollywoods. Realität und Schein verschwimmen hier soweit, bis schließlich weder für den Zuschauer, noch für die Figuren selbst, klar ist, wer sie sind und wo sie sich eigentlich befinden.
Lynchs Filme sind zwar schwer und bedrückend, aber sie haben durchaus auch komische Elemente. In „Wild at Heart“ verzerrt sich Willem Dafoes Gesicht unter der Strumpfhosen-Maske zu einer surrealen und albernen Grimasse. Und in „Twin Peaks“, eine Fernsehserie von David Lynch, spricht der FBI-Agent mit Inbrunst ausführliche Berichte über das Wetter, Apfelkuchen oder den Morgenkaffee in sein Diktiergerät. Mit Vorliebe spielt Lynch mit diesen Verzerrungen und unglaublichen Geschichten, mit Wahnvorstellungen und Ticks. Der Regisseur ist sich bewusst, dass seine Filme von dem Zuschauer besondere Aufmerksamkeit verlangen.
David Lynch hat auch konventionellere Filme gemacht wie zum Beispiel "The Elepant Man” von 1980. Auch „Blue Velvet“ und „Wild at Heart“ bieten trotz aller Mystik und Ungereimtheiten so etwas wie eine Auflösung. Dies geht seinen neueren Filmen wie „Lost Highway“ oder „Mullholland Drive“ immer mehr verloren. Diese Filme bleiben rätselhaft und sind oft nur schwer zu verdauen. Mit dem Verstand alleine kommt man da nicht weiter, meint David Lynch.
Lynch kommt aus der Malerei und MALT seine Filme. Er schafft Collagen aus Farben, Musik und Gefühlen. Er kritisiert durch seine Filme den konventionellen Hollywoodfilm. Und er führt unsere eingeschliffenen Sehgewohnheiten aufs Glatteis – mit allen Möglichkeiten die das Medium Film bietet.